Glotzendes Grauen

Mondlicht scheint durch das Fenster, Schatten fallen auf den Teppich. Schlafenszeit. Seine schwarzen großen Augen glänzen in der Dunkelheit. Er starrt mich an. Er atmet nicht. Diese Augen, die sich über den ganzen Kopf ausbreiten, lassen mich nicht aus seinem glotzenden Blick. Meine Tochter liegt im Bett, sie ist fast eingeschlafen. Mit einem Ruck setzt sie sich auf, streckt die Arme aus und schreit hysterisch: „Mein Gluuubschiii!“

Seltsame Spielzeuge gibt es. Gab es schon immer. Hässliche Trolle mit bunten Haaren, muskelbepackte Mackerbarbies namens Big Jim und Schallplatten des mutierten Frosches Plumpaquatsch – die liebte ich als Kind. Wenn heute ein Stofftier mit einem großen Kopf so aussieht, als drücke man ihm den Hals zu, der Körper verschwindend klein ist und das eigene Kind anfängt zu quietschen, wenn es das geliebte Grässliche im Ladenregal entdeckt, dann kann es sich nur um einen Glubschi handeln. Jedes erdenkliche Tier wurde auf diese seltsamen Proportionen zurecht geschrumpft und mit hervortretenden Augen versehen: Affen, Bienen, Hunde, es gibt sogar ein Einhorn mit pink-, türkisfarbenen und gelben Flecken, einem lilafarbenen Puschel auf dem Kopf, einem pink glitzernden Minihorn auf der Stirn – und natürlich AUGEN. Es steht bei uns. Es wird geliebt. Nicht von mir.
Und fürchte ich als Mutter, nur mein Kind würde dieser Geschmacksverirrung aufsitzen, und ich versuche bereits, es tiefenpsychologisch begründen zu wollen, dann kann ich mir getrost sagen: Ich bin nicht allein. Alle wollen Glubschis – und auch an uns geht leider kein Hype vorbei. Der Glubschi ist das Must-Have der Fünfjährigen, das It-Peace jeder Kindergartenbande. Was kommt als nächstes? Ich befürchte: Furbys. Dieses Grauen kann sogar sprechen.

Mantelfisch und Froschkotze

Mantelfische
Dass das abgebildete Gemüse wahrscheinlich nur durch eine ordentliche Portion Haarspray schön glänzt und die Sahne in Wahrheit Rasierschaum ist – das vergesse ich gern, wenn ich in Kochbücher schaue. Ich liebe Kochbücher. Besonders wenn das Geschirr so hübsch ist, die Menschen so nett aussehen und alles so appetitlich fotografiert ist.

Familienkochbücher sind auch ganz, ganz toll – was da nicht alles für Tricks drinstehen, um Gesundes in die Kleinen rein zu schummeln! Karotten reiben und in Kartoffelpuffer mischen („Mama, wieso sehen die so orange aus?“), Essen mit Tiernamen betiteln: Nein, das ist keine Spinatsuppe – es ist Froschsuppe! („Mama, das sieht eher aus wie FroschKOTZE.“) Oder Fisch lustig verpacken, damit er wieder nach Fisch aussieht – und nicht nach Tiefkühlbriketts. Habe ich gemacht. („Mama, kannst Du auch einen Hammerhai?“) Eine Stunde lang formte ich Blätterteig, ummantelte Fisch, knetete und rollte. Toll sah das aus. Fanden auch meine Kinder. Und stürzten sich nach dem Probierbissen auf Nudeln mit Ketchup.

Lachtränen!

Furchtbar wahr & schrecklich komisch:

(von Colin Falconer, The Huffington Post)

Sind Sie bereit für Kinder? Machen Sie diesen Test!

1. Test: Vorbereitung

Frauen: Vorbereitung auf die Schwangerschaft

Ziehen Sie einen Morgenmantel an und wickeln Sie sich einen Sandsack um den Bauch.
Entfernen Sie nach neun Monaten 5 % des Sands.

Männer: Vorbereitung auf Kinder

Gehen Sie zur Drogerie um die Ecke, drücken Sie der Verkäuferin Ihren Geldbeutel in die Hand und fordern Sie sie auf, sich zu bedienen.
Gehen Sie zum Supermarkt um die Ecke. Vereinbaren Sie mit dem Marktleiter, dass Ihr Gehalt künftig direkt an das Geschäft überwiesen wird.
Gehen Sie nach Hause. Lesen Sie ein allerletztes Mal in Ruhe Ihre Zeitung.

2. Test: Wissen

Suchen Sie sich ein Pärchen, das bereits Kinder hat, und kritisieren Sie es für seine erzieherischen Maßnahmen, mangelnde Geduld, erschreckend geringe Toleranz und die Tatsache, dass ihre Kinder machen, was sie gerade wollen. Geben Sie den beiden gute Ratschläge, wie ihre Kinder künftig durchschlafen, aufs Töpfchen gehen, mit Messer und Gabel essen und ihr bestes Benehmen an den Tag legen. Kosten Sie diesen Moment aus. Es ist das letzte Mal in Ihrem Leben, dass Sie die Antworten auf alle Fragen haben.

3. Test: Die Nächte

So finden Sie heraus, wie sich Ihre Nächte anfühlen werden:

Tragen Sie von 17 Uhr bis 22 Uhr einen etwa vier bis sechs Kilogramm schweren, nassen Sack im Wohnzimmer herum, während Sie sich in voller Lautstärke ein rauschendes Radio (oder ein anderes nervtötendes Geräusch) anhören.
Legen Sie um 22 Uhr den Sack hin, gehen Sie ins Bett und stellen Sie sich den Wecker auf Mitternacht.
Stehen Sie um 23 Uhr auf und tragen Sie den Sack bis um 1 Uhr wieder im Wohnzimmer herum.
Stellen Sie den Wecker auf 3 Uhr.
Da Sie nicht einschlafen können, stehen Sie um 2 Uhr wieder auf und machen Sie sich eine Tasse Tee.
Gehen Sie um 2:45 Uhr ins Bett.
Stehen Sie um 3 Uhr auf, wenn der Wecker klingelt.
Singen Sie bis 4 Uhr im Dunkeln Gutenachtlieder.
Stellen Sie den Wecker auf 5 Uhr. Stehen Sie auf, wenn er klingelt.
Machen Sie das Frühstück.
Ziehen Sie das Ganze fünf Jahre lang durch. ERWECKEN SIE DEN ANSCHEIN, FRÖHLICH UND AUSGESCHLAFEN ZU SEIN.

4. Test: Kleinkinder anziehen

Besorgen Sie sich einen lebenden Kraken und ein Einkaufsnetz.
Versuchen Sie, den Kraken so ins Einkaufsnetz zu legen, dass keine Arme raushängen.
Erlaubte Zeit: 5 Minuten

5. Test: Autos

Verabschieden Sie sich von Ihrem Cabrio. Legen Sie sich einen Kombi zu.
Kaufen Sie ein Schokoladeneis und legen Sie es ins Handschuhfach. Lassen Sie es auf unbestimmte Zeit dort liegen.
Nehmen Sie eine Münze aus Ihrem Geldbeutel. Schieben Sie sie in den CD-Spieler.
Kaufen Sie eine Packung Schokokekse und verreiben Sie diese sorgfältig auf dem Rücksitz.
Kratzen Sie mit einem Rechen an beiden Seiten des Autos entlang.

6. Test: Spazierengehen

Warten Sie.
Gehen Sie vor die Haustür.
Kommen Sie wieder herein.
Gehen Sie wieder nach draußen.
Kommen Sie wieder herein.
Gehen Sie wieder nach draußen.
Gehen Sie den Gartenweg entlang.
Gehen Sie wieder zum Haus zurück.
Gehen Sie wieder zum Gartentor.
Laufen Sie äußerst langsam fünf Minuten lang die Straße herunter.
Halten Sie bei jedem Kaugummi, weggeworfenem Taschentuch und totem Insekt auf dem Weg an, inspizieren Sie es mit aller Gründlichkeit und stellen Sie mindestens sechs Fragen dazu.
Gehen Sie wieder genau den Weg zurück, den Sie gekommen sind.
Schreien Sie so lange, dass es Ihnen jetzt endgültig langt, bis die Nachbarn das Fenster öffnen und Sie schief angucken.
Geben Sie auf und gehen Sie wieder zurück ins Haus. Sie sind jetzt dazu bereit, mit einem Kleinkind spazieren zu gehen.

7. Test: Unterhaltungen mit Kindern

Wiederholen Sie alles, was Sie sagen, mindestens fünf Mal.

8. Test: Einkaufen

Gehen Sie in Ihren Supermarkt. Nehmen Sie einen möglichst lebensechten Ersatz für ein Kleinkind mit – zum Beispiel einen Ziegenbock. Wenn Sie mehrere Kinder in die Welt setzen möchten, sollten Sie mehrere Ziegenböcke mitnehmen.
Machen Sie Ihren Wocheneinkauf, ohne den Ziegenbock aus den Augen zu lassen.
Bezahlen Sie alles, was der Ziegenbock frisst oder kaputt macht.
Fahren Sie erst dann mit der Familienplanung fort, wenn Ihnen diese Aufgabe keine Schwierigkeiten mehr bereitet.

9. Test: Ein einjähriges Kind füttern

Höhlen Sie eine Melone aus.
Schneiden Sie ein kleines Loch in eine Seite.
Hängen Sie die Melone an der Zimmerdecke auf und schwingen Sie sie von rechts nach links.
Schnappen Sie sich eine Schüssel mit aufgeweichten Cornflakes und versuchen Sie, die Cornflakes in die schwingende Melone zu füllen, während Sie so tun, als wäre der Löffel ein Flugzeug.
Fahren Sie damit fort, bis die Hälfte der Cornflakes in der Melone ist.
Leeren Sie den Rest der Schüssel in Ihren Schoß und achten Sie darauf, dass dabei auch ordentlich etwas auf den Boden fällt.

10. Test: Fernsehen

Lernen Sie den Namen aller Figuren aus der Sesamstraße, der Sendung mit der Maus, Bob, dem Baumeister und sämtlichen Disneyfilmen.
Schauen Sie sich mindestens fünf Jahre lang nichts anderes an.

11. Test: Unordnung

Kommen Sie mit der Unordnung klar, die Kinder produzieren? So finden Sie es heraus:
Schmieren Sie Nutella aufs Sofa und Marmelade auf die Vorhänge.
Verstecken Sie einen Fisch hinter der Stereoanlage und lassen Sie ihn den ganzen Sommer dort liegen.
Wühlen Sie im Blumenbeet herum und wischen Sie sich die Hände anschließend an der Tapete sauber. Übermalen Sie die Schmutzflecken mit Filzstift. Bewundern Sie das Ergebnis.
Leeren Sie jede Schublade, jeden Schrank und jede Kiste im Haus aus und verteilen Sie den Inhalt gleichmäßig auf dem Fußboden.
Zerren Sie dann die Sachen in beliebiger Reihenfolge von einem Zimmer ins nächste und lassen Sie sie dort liegen.

12. Test: Lange Autofahrten mit Kleinkindern

Brennen Sie eine CD, auf der jemand wiederholt „Mama“ schreit. Wichtig: Zwischen jedem „Mama“ dürfen höchstens vier Sekunden Pause sein. Erhöhen Sie zwischendrin die Lautstärke auf den Geräuschpegel eines Düsenjägers.
Hören Sie sich diese CD die nächsten vier Jahre lang auf jeder Autofahrt an.
Jetzt sind Sie für eine lange Autofahrt mit einem Kleinkind bereit.

13. Test: Unterhaltungen

Beginnen Sie ein Gespräch mit einem Erwachsenen Ihrer Wahl meilleur site pour cialis.
Bitten Sie jemanden, dabei permanent an Ihrer Kleidung zu zupfen, während Sie die oben erwähnte „Mama“-CD abspielen.
Sie sind jetzt in der Lage, eine Unterhaltung mit einem Erwachsenen zu führen, während sich ein Kind im selben Raum befindet.

14. Test: Sich fürs Büro fertig machen

Wählen Sie einen Tag aus, an dem Sie ein wichtiges Meeting haben.
Ziehen Sie sich Ihren schönsten Hosenanzug an.
Kippen Sie Zitronensaft in einen Becher Sahne.
Rühren Sie das Ganze gut um.
Schütten Sie die Hälfte davon auf Ihre Seidenbluse.
Tränken Sie ein Handtuch mit der anderen Hälfte der Mischung.
Versuchen Sie, die Bluse mit dem getränkten Handtuch zu säubern.
Gehen Sie direkt ins Büro, ohne sich umzuziehen. (Sie haben keine Zeit dafür.)
Sie sind jetzt bereit für Kinder.

VIEL SPASS DAMIT!!!

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Mit Magerquark und Meißel

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Nun ist er schon seit einer Stunde weg. Einen Meißel zu besorgen kann doch nicht so lange dauern. Verflixt noch eins – wo ist bloß dieses Weihnachtsdingsdessertrezept? Vier Wochen hing es an der Tafel, nun ist es weg. Lebkuchengewürz, Haselnusskrokant, Mascarpone … so ungefähr bekomme ich es zusammen, ich muss nur in Ruhe nachdenken.„MAMAAAA?“ „Äh, ja?“ „Omi hat mir gerade diktiert, wie groß die Geschenke sind, die der Weihnachtsmann zu ihnen gebracht hat. Möchtest Du mal hören?“ „Ähm, können wir das nachher machen, mein Schatz? Ich habe hier gerade ein kleines Problem …“ „Okay.“ Kurze Pause. „Also das Größte ist 75 Zentimeter lang, 40 Zentimeter breit …“ Ich versuche auszublenden und denke weiter an Mascarpone, Magerquark, Sahne. „Das andere ist nur 20 Zentimeter breit, dafür 30 Zentimeter lang und 15 Zentimeter tief. Mama, MAMA, hörst Du zu???“ „Nein, jetzt nicht!!“ Wie war das noch gleich? Dosenpfirsiche, stimmt ja. Da fehlt doch noch etwas … „Und insgesamt liegen da vier Geschenke!! Das dritte ist genau 37,5 Zentimeter lang!“

Mein Blick schweift aus dem Fenster, der Weihnachtsbaum ist deutlich länger und liegt auf dem Gartentisch – er wartet darauf, dass man ihm den Stamm bemeißelt. Eigentlich sollte das Ungetüm schon geschmückt sein, doch leider war der Stamm zu dick, die eine Seite zu buschig – und das zusammengezogen eine recht kippelige Angelegenheit. Für den Fernseher nicht ungefährlich. Doch unsere Säge drohte zu brechen, daher holt mein Mann jetzt einen Meißel. „23 Zentimeter breit und 20 Zentimeter tief!! Hast Du gehört, Mama?“ Also noch einmal – Sahne, Dosenpfirsiche, was fehlt bloß noch? Mann und Meißel sind zurück, weiter geht es. Der Baum steht nach einer halben Stunde, hält und sieht gut aus. Löffelbiskuit. Na bitte. An die Mengenangaben kann ich mich nicht erinnern, also einfach mehr abschmecken. „Häää? Oder waren es 30 Zentimeter? Ich kann meine Zahl nicht mehr lesen, Mama. Mama? Was steht da?“ Einatmen, ausatmen. Einfach weiter machen. Mandeln drauf. Fertig. Hallo Weihnachten.

Heller die Lichter nie strahlen

Rauf auf die wackelnde Leiter, schnell noch die Lichterkette ans Carport gehängt – und jetzt klemmt der Stecker. Mist. Drücken, ruckeln, rutscht. Na endlich. Uuund – aaaah! Hä? AAAAH! Wieso leuchten nur zwei Drittel dieser verflixten Kette? Vielleicht hier ein bisschen drehen – na bitte. Ich werde wahnsinnig, jetzt ist sie schon wieder aus. Ich gebe auf. Ich bin einfach keine Dekoqueen, aber das Ding – das bleibt jetzt so. Wie war das? Manchmal reichen auch 80 Prozent. Der kleine Leuchthirsch steht traurig und dunkel daneben, er hat keinen Strom. Denn wir haben nur einen Anschluss im Schuppen, und ich hatte keine Lust, noch eine Doppelsteckdose zu kaufen.

Wenn ich mich so umgucke in unserem Viertel – schön ist es! Überall leuchtet es heimelig – Sterne und Ketten in Gelb und Weiß feiern die Weihnachtszeit.
Wenn ich mich so umgucke in unserem Viertel – schrecklich ist es! Rot, Grün und Blau blinkt es, Rentierschlitten stehen auf Dächer, Weihnachtsmänner krabbeln an Balkonen rauf, auf Dauerfeuer geschaltete Leuchtspiralen verursachen Diskoatmosphäre. Und bei so mancher roten Beleuchtung im Fenster fragt man sich schon, ob das was mit Weihnachten zu tun hat, oder ob die ganzjährig in Betrieb ist.

Auf dem Weg nach Sasel hat jemand einen drei Meter großen Weihnachtsmann aufgeblasen und in den Vorgarten gestellt, gleich neben das zwei Meter fünfzig große Rentier. Auf dem Weg nach Berne steht eine riesige Plexiglaskrippe im Garten – mit Maria und Josef und der ganzen Mannschaft, alle etwa einen Meter groß. Den Stern von der Spitze schießt das Haus im Rahlstedter Weg – meine Kinder freuen sich jedes Jahr auf den Anblick! Sind wir mit dem Auto unterwegs, kommt immer die gleiche Frage: „Mama, fahren wir beim verrückten Mann vorbei?“ So heißt er bei uns. Nett gemeint. Denn ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man sein Haus und seinen Vorgarten in ein einziges blinkendes Lichtermeer taucht, überdimensionale Zuckerstangen in die Tannen hängt, wenn eine Rentierherde die Einfahrt schmückt, und eine ganze Weihnachtsmanngang übers Gelände tobt.

Mit meiner Lichterkette komme ich nicht weiter. Ich könnte eine neue kaufen. Aber für die paar Tage? Außerdem käme dann wieder die Diskussion mit meinem Sohn: „Gelb ist so langweilig. Ich möchte endlich eine rote Lichterkette am Carport!!!“ Nein, mein Kind. Die wird es bei uns nicht geben. Diese Farbe hat schon der Stadtteilpuff die Straße runter für sich reserviert.

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Die Invasion der Motzbüdel

„Ts, ob die es heute noch hinbekommt?“, mosert die Frau mit einem in die Ferne gerichteten Blick. Sie erwartet Beifallkommentare aus der Schlange, während die arme Budni-Kassiererin mit den Tücken der Technik kämpft. Als es endlich weitergeht, guckt die Frau vor mir mich mit einem Augenrollen und falschen Lächeln an. Ich gucke ausdruckslos zurück und beherrsche mich, ihr nicht ein paar Takte zu erzählen.

Beim Bäcker steht ein Mann vor mir und fragt, was in dem Dreikornbrot denn drin sei? Die Verkäuferin antwortet freundlich, dass sie das nicht auf Anhieb wisse, sie würde sich mal eben schlau machen … Er antwortet, lautstark in den Raum gerichtet: „Also das gibt es doch nicht!! Arbeitet hier, und weiß noch nicht einmal, was in dem Brot ist!!“, das „Ich bin neu“-Schild an ihrer Bluse hat er übersehen.

Der Espresso zu heiß, das Eis zu kalt, die Sonne zu hell? Hat einer bei Eurem „Malen nach Zahlen“-Weltbild mal das Türkis anstatt das Blau benutzt? Grund genug, um zu motzen – Ihr Meckerfritzen, Ihr nörgeligen Nervensägen!! Ihr seid die Kanten an den Gehwegplatten meines Alltags. Ich will Euch nicht treffen und doch stolpere ich immer wieder über Euch – Ihr seid überall und man sieht Euch nicht kommen.

Hat man zu lange auf Euch drauf getreten, und seid Ihr dadurch so verzogen? Denn in meinen Augen hat es nicht nur etwas mit der Einstellung zum Leben zu tun – es hat auch etwas mit Benehmen zu tun. Man ist nicht unfreundlich zu Verkäuferinnen, man guckt die Kellnerin gefälligst an, wenn man Ihr das Geld in die Hand drückt, man pöbelt den Kassierer nicht an, wenn die Kasse spinnt. Natürlich sollte man sagen, wenn einem etwas nicht gefällt, aber dieses öffentlichkeitsgeile Herumkritteln an Kleinigkeiten – das finde ich unerträglich.

Bei der Post geht selbige mal wieder ab – es ist rappelvoll. Nein, Warten ist nicht schön. Nein, es sind trotzdem nicht alle Schalter besetzt. Aber nein – dafür können die Angestellten nichts. Von einem Fuß auf den anderen tritt der Mann vor mir, er schert aus der Schlange aus, atmet hörbar ein, guckt dabei mit aufgerissenen Augen um sich und schüttelt den Kopf. Ein Postbeamte wechselt ein freundliches Wort mit einer Kundin, beide lachen. Das reicht dem Kerl vor mir für einen kurzen Ausraster: „Na toll, soll ich denen auch noch ne Tasse Kaffee bringen, damit sie sich setzen können?“ Er guckt ausgerechnet mich dabei an und da ist es wieder – dieses falsche Grinsen, das mir sagen soll: schlag ein, hau mit drauf! Ich konzentriere mich wieder auf meinen ausdruckslosen Blick und die Beherrschung meiner Zunge. Lauter setzt er nach: „Sind hier ja nicht beim Kaffeekränzchen, hä? Stimmt doch, hä?“ Ich kann nicht anders, gucke ihn verständnislos an und antworte höflich: „Vielleicht sollten Sie mal einen Kaffee weniger trinken, das bringt den Puls runter.“ Du Gehwegplattenkante.

M:O:A

Müller OpenAir

Vorab muss ich sagen, dass ich mir jedes Mal fast in die Hosen mache. Seit 22 Jahren denkt das Lampenfieber gar nicht daran, mal die Birne raus zu schrauben. Seit 11 Uhr morgens bin ich nicht mehr ansprechbar, murmle Texte vor mich hin, übe Tonsprünge, ja, ich schaue mich sogar beim Singen im Spiegel an. Für vier Zeilen, dann beschließe ich, dass mir diese Baustelle zu groß ist, um sie bis abends zu bearbeiten. Augen zu und durch.

Es ist kurz vor Acht, die rund 60 Gäste sind da, der Soundcheck war super, ich schaue in freundliche Gesichter, meine liebsten Freunde sind da, meine Eltern, Schwiegereltern, meine Kinder. Kein Grund, nervös zu sein. Und ich halte mein Wasserglas mit tatterigen Fingern, schaue meinem Gegenüber beim Reden zu, bin mit meinen Gedanken aber bei „Viva la Vida“.
Ich bin mir sicher, ich habe das beste Hobby der Welt, und doch reibt es nach wie vor die Nerven blank. Warum ich das tue? Hä? Warum springen Menschen an Gummiseilen von Brücken? Warum tauchen sie mit Haien? Es ruft Gefühle hervor, wie sonst nichts auf der Welt.

Musik macht dass es doppelt so weh tut
Musik macht dass es nicht mehr so schmerzt („Musik“, Pohlmann)

Auf der Bühne zu stehen, mit tollen Musikern zusammen zu spielen, zu singen, Musik, die einen berührt, zu machen, das ist … Das ist schwer in Worte zu fassen. Wie muss das für Menschen sein, die auch noch Geld und Ruhm dafür bekommen?
Es ist nach Acht, wir stehen auf der Holzterrasse, schauen in einen wunderschönen Garten, nette Menschen, die vor uns sitzen oder stehen und erwartungsvoll gucken. Mir zittern immer noch die Hände, Tobi legt los, „Valerie“ erklingt. Einige wippen ein bisschen, alle freuen sich. Ist das schön. Bin ich schön nervös.

6 Monate zuvor standen wir in einer Bar in Hamburg. Von ihrer geplanten Terrassenüberdachung erzählten uns die Müllers – und mit Gin Tonic und Wein in der Hand beschlossen wir, dass so etwas eingeweiht gehört. Wir malten uns aus, wie nett es wäre, in einem riesigen Garten das Publikum sitzen zu sehen, wir auf einer Holzterrasse, dazu Drinks, Häppchen, laues Lüftchen – und handgemachte Musik. Es wurde später und später, und wir schmückten in immer mehr Superlativen das Szenario aus.

Und die Frau Müller, die ist eine echte Macherin. So eine, die nicht lange fackelt. Eine Idee hat keine Chance, sich im Alltagstrubel leise und heimlich zu verziehen – die wird festgehalten, dann werden einige Punkte geklärt, eine Liste gemacht – und dann wird durchgezogen. Egal wie viel sonst noch so los ist, egal wie anstrengend Kinder oder ihr Job gerade sind. Grandios. Und so hatten wir bereits am nächsten Tag, es war der 25. Februar 2013, eine E-Mail mit Terminvorschlägen im Postfach.

Wir sind inzwischen beim letzten Lied angekommen. Alle sind glücklich, die Gastgeber haben ein fantastisches Fest ausgerichtet, das Essen, die Drinks, der Rahmen – alles ist perfekt. Und alle spielten mit: das Wetter, die Nachbarn, die Gäste und die Musiker: Tobi, ein Virtuose an der Gitarre, Arne, die Beatbox – ich kann immer noch nicht nachvollziehen, wie er diese coolen Geräusche herausbekommt, und Jan auf dem Cajon und am Mikro, ein Multitalent. Jan hat „Haus am See“ in „Classenweg“ umgedichtet, einige haben Tränen in den Augen – vor lachen. Nervös bin ich jetzt nicht mehr, die Finger haben sich beruhigt, alles ist gut. Mehr als das.

Und wir lesen in den ältesten Liedern

unsere neuesten Träume
und kommen immer wieder zu ihr zurück
um abzutauchen und Luft zu holen – Musik. („Musik“, Pohlmann)

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Das ganze Konzert (bei „Playlist“ links oben kann man die einzelnen Songs anklicken):

Kickende Kunst

@strassenkoeter

@strassenkoeter

In der Millerntor Gallery (Charity-Kunst-Projekt, mit Viva con Agua) traf ich den Ex-Star S., den Ex-Fotografen P., die unerfüllte Ex-Liebe S. und die Ex-Kollegen F. und M..
Die machen das immer noch – sie singen noch, sie fotografieren noch, sie lieben und arbeiten noch – aber nicht mehr mit mir oder für mich. Und bei einem dieser Zusammentreffen gab mir der nette Ex-Kollege Falk den nötigen Verbaltritt in den Hintern, mal wieder etwas zu schreiben. Hier, in der Schröderei. Er würde es auch lesen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und nun?
Und nun ist mein Hirn gerade so grauschattiert wie der Hamburger Himmel, außerdem hören meine Zehen seit Mittwoch nicht auf zu frieren. Die mailichen Temperaturen völlig unterschätzt, zog ich ein dünnes Shirt an, und eine Lederjacke, die nur Wärme versprechend aussah.
Die besondere Atmosphäre, um das St.-Pauli-Stadion herum zu stromern und Kunst zu betrachten, wärmte wenigstens die Seele, und mir hätte ein hoher Stuhl mit einer Heizdecke gereicht – ich hätte mich den ganzen Abend wie Oma Erna hingesetzt und alle beobachtet. Wie ein Künstler sah fast jeder aus, oder wie der Freund eines Künstlers oder wie jemand, der gern Künstler wäre. Schicke, Schrullige, Schöne, Schräge – alles dabei. Eine Schicke ersteigerte großartige Fußballbilder vom Künstler strassenkoeter, ein paar Stylomaten-Mädels flanierten durch die Gänge, viele Bärte, große Brillen, unzählige Strickmützen, nette, sympathische Menschen, Wichtigtuer und Wichtige. Und anscheinend wenig Stadiongänger – denn keiner brüllte bei der Versteigerung vom Marius-Ebbers-Bild mit uns gemeinsam „Fußballgott“.
Und dann war da noch Nena mit blauer Sonnenbrille, einer Wahnsinnsausstrahlung und in Begleitung einer großen, lässig aussehenden Familie.

Es wäre ein perfekter Abend gewesen, um sich mit Steffi zu betrinken, zu später Stunde vor der Bühne die Musiker zu feiern, für die ausgestellte Kunst immer mehr Superlative zu finden, sentimentale Blick ins Stadion zu werfen, sehr laut zu lachen und vielleicht auch zu tanzen. Doch es waren 10 Grad.  Guckt es Euch an. Aber Kinners – zieht Euch warm an.

Falk hat dazu auch ein paar Worte und Bilder.

Der Glatzkopf und das Gör

Kinderfernsehen. Geht es um Bullerbü und Pippi Langstrumpf, bin ich gern dabei. Doch sobald gewisse Minihelden auftauchen, muss ich das Zimmer verlassen:

„Ich will aber keinen Salaaaaat!!“ Das kleine Mädchen in Nachthemd und Krone kreischt in Frequenzen, dass sich die Trommelfelle wellen. Mit weit auseinander stehenden Augen, einer Frisur wie ein Spaghettimob und einer riesigen Klappe stolpert „Die kleine Prinzessin“ von Ausraster zu Ausraster. Und meine Tochter findet es toll.

DVD-Zeit – was möchtet Ihr gucken? „Die kleine Prinzessin“. Was für ein netter, was für ein irreführender Titel.
Sie ist eine Prinzessin im schlechtesten Sinne:
Ihren Willen brüllt sie mit weit aufgerissenem Mund in die Luft, bis die Tauben taub sind – sie kommandiert, motzt, meckert, heult und jammert.

Eine nachgiebige Mutter mit Marktkopftuch und Krone und ein dümmlicher Königspapa, der sie auch nach der größten Unverschämtheit noch „Mein Püppchen“ nennt.

Sollte es uns Sorgen machen, dass unsere Kinder so etwas mögen? Ein dominantes Balg, welches seinen Hund Schlampe Schlamper nennt, welches das Kindermädchen von links nach rechts jagt, in einem Schloss lebt, wo Gärtner oder Koch kuschen müssen und der gesamte Hofstaat ängstlich darum bemüht ist, es dem Kronenmonster recht zu machen? Krone ab, Sechs, setzen.

Gleiche Liga ist „Caillou“. Von niedlich keine Spur, es sei denn, man findet Vierjährige mit Glatze süß. Und auch hier trifft einen der Nervfaktor „Stimme“ in den Hörkernen des Großhirns. Doch ganz ganz lieb sind hier alle zueinander. Mit ganz ganz vielen „i’s“ – die sind symbolisch für die zuckrigen Dialoge von Mami, Papi, Omi, Opi, Rosie und Caillou.

Alle reden mit mischpultverstellter Stimme, Mami und Papi sind perfekt, haben für alles eine pädagogisch wertvolle Erklärung, sind immer nett und immer sehr verständnisvoll. Worte werden überdeutlich formuliert, als müsse jemand mitschreiben, und alle sind so freundlich zueinander, dass einem flau wird. Caillou könnte das Haus anzünden und Mami und Papi würden mit Singsangstimme sagen: „Hase, wir wissen ja, dass es keine Absicht war. Aber nun pass auf, dass Du Dich nicht verbrennst.“

Und WIESO hat dieses Kind keine Haare? Alle haben Haare, selbst seine zweijährige Schwester Rosie. Mit einem lieben i. Klar.

WER IST DICHTER?

Als wäre es nicht schon verrückt genug, zu jemandem ins Auto zu steigen, den man überhaupt nicht kennt. Mit dem man noch keine zwei Sätze gesprochen hat. Und doch sieht man den Menschen hinterm Steuer des beige-gelben Autos als Retter in der müden Nacht, als Zuflucht vor der lauten Straße, als sicheren Begleiter Richtung Zuhause.

Vor fünf Minuten war ich noch Zuhörer eines Lyrikvortrages. Ein Dichter, ein Musiker, ein Schauspieler brachte mich in die Zielstraße. Hätte ich zwei Gläser Wein mehr intus gehabt, wäre ich entweder ob der einlullenden wohlklingenden Worte eingeschlafen oder in albernes Gegacker ausgebrochen. Ganz ernsthaft – ich habe soeben für 22 Euro drei Gedichte und Biografieauszüge von 1966 genießen dürfen, sechsfach ausgesprochene Buchempfehlung inklusive. Wahrscheinlich ist er einer, der nach zu vielen schrägen Fahrgästen beschloss, in die Offensive zu gehen: Bevor mich einer vollquatscht, rede ich! Und zwar ohne Luft zu holen.
Dabei war ich bisher stets ein harmloser Fahrgast. Schluckauf, leises Schnarchen, seltsame Gesprächsversuche („War Taxifahrer schon immer Ihr Traumberuf?“), eisiges Schweigen, unterdrücktes Schluchzen, hysterisches Gelächter, hymnisches Singen – für echte Taxifahrer Erdnüsse.
Eine Totalreinigung, kein Geld, keine Ahnung – das musste noch niemand mit mir durchmachen.

Die, die kein Radio anhaben und selbst bei Gesprächsversuchen („Ganz schön kalt geworden …“) schweigen, die sind mir am unangenehmsten. Da starrt man dann geschlagene dreißig Minuten aus dem Fenster und wühlt in Gegenwart eines Fremden in seinen Gedanken.

Und dann gab es da noch den, mit dem ich mich so angeregt unterhielt, dass er versehentlich zur falschen U-Bahn-Station fuhr. Oder der Jazzmusiker aus Amerika, der mich morgens um 5 Uhr zum Flughafen kutschierte, der Inder, der seit Jahren davon träumte, mehr Geld zu verdienen und nachts mehr bei seiner Familie zu sein, die nette Frau in Berlin, die das Taxameter ausstellte, bis wir unser Restaurant gefunden hatten – und heute nun die Krönung: Goethe und Ringelnatz in Persona.

Hat nicht jeder seine Taxigeschichte? Und hat nicht jeder Taxifahrer eine Geschichte?