Die Invasion der Motzbüdel

„Ts, ob die es heute noch hinbekommt?“, mosert die Frau mit einem in die Ferne gerichteten Blick. Sie erwartet Beifallkommentare aus der Schlange, während die arme Budni-Kassiererin mit den Tücken der Technik kämpft. Als es endlich weitergeht, guckt die Frau vor mir mich mit einem Augenrollen und falschen Lächeln an. Ich gucke ausdruckslos zurück und beherrsche mich, ihr nicht ein paar Takte zu erzählen.

Beim Bäcker steht ein Mann vor mir und fragt, was in dem Dreikornbrot denn drin sei? Die Verkäuferin antwortet freundlich, dass sie das nicht auf Anhieb wisse, sie würde sich mal eben schlau machen … Er antwortet, lautstark in den Raum gerichtet: „Also das gibt es doch nicht!! Arbeitet hier, und weiß noch nicht einmal, was in dem Brot ist!!“, das „Ich bin neu“-Schild an ihrer Bluse hat er übersehen.

Der Espresso zu heiß, das Eis zu kalt, die Sonne zu hell? Hat einer bei Eurem „Malen nach Zahlen“-Weltbild mal das Türkis anstatt das Blau benutzt? Grund genug, um zu motzen – Ihr Meckerfritzen, Ihr nörgeligen Nervensägen!! Ihr seid die Kanten an den Gehwegplatten meines Alltags. Ich will Euch nicht treffen und doch stolpere ich immer wieder über Euch – Ihr seid überall und man sieht Euch nicht kommen.

Hat man zu lange auf Euch drauf getreten, und seid Ihr dadurch so verzogen? Denn in meinen Augen hat es nicht nur etwas mit der Einstellung zum Leben zu tun – es hat auch etwas mit Benehmen zu tun. Man ist nicht unfreundlich zu Verkäuferinnen, man guckt die Kellnerin gefälligst an, wenn man Ihr das Geld in die Hand drückt, man pöbelt den Kassierer nicht an, wenn die Kasse spinnt. Natürlich sollte man sagen, wenn einem etwas nicht gefällt, aber dieses öffentlichkeitsgeile Herumkritteln an Kleinigkeiten – das finde ich unerträglich.

Bei der Post geht selbige mal wieder ab – es ist rappelvoll. Nein, Warten ist nicht schön. Nein, es sind trotzdem nicht alle Schalter besetzt. Aber nein – dafür können die Angestellten nichts. Von einem Fuß auf den anderen tritt der Mann vor mir, er schert aus der Schlange aus, atmet hörbar ein, guckt dabei mit aufgerissenen Augen um sich und schüttelt den Kopf. Ein Postbeamte wechselt ein freundliches Wort mit einer Kundin, beide lachen. Das reicht dem Kerl vor mir für einen kurzen Ausraster: „Na toll, soll ich denen auch noch ne Tasse Kaffee bringen, damit sie sich setzen können?“ Er guckt ausgerechnet mich dabei an und da ist es wieder – dieses falsche Grinsen, das mir sagen soll: schlag ein, hau mit drauf! Ich konzentriere mich wieder auf meinen ausdruckslosen Blick und die Beherrschung meiner Zunge. Lauter setzt er nach: „Sind hier ja nicht beim Kaffeekränzchen, hä? Stimmt doch, hä?“ Ich kann nicht anders, gucke ihn verständnislos an und antworte höflich: „Vielleicht sollten Sie mal einen Kaffee weniger trinken, das bringt den Puls runter.“ Du Gehwegplattenkante.

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