Batterielose Liebe

Karnickel, die mich traurig durch Gitterstäbe anglotzen, Vögel, die vor Langeweile von der Stange kippen, Hamster, die mich nachts durch Laufradgeratter wach halten? „Niemals. Niemals werden wir Haustiere haben. Das kann ich hier und jetzt versprechen.“ Jahrelang konnte ich diese Zusage, die vor allem an mich selbst gerichtet war, halten. Speziell Katzen fanden nie den Weg in mein Herz – früh brachte ich meinen Kindern bei, gegen die Terrassentür zu bollern, um die dicken Fellknäuel vor unserem Fenster zu verscheuchen, entsetzt sah ich mit an, wie der Nachbarskater einen Eichelhäher auf der Wiese vor dem Haus in Einzelteile zerlegte. Die Babytaube, die ich vor 30 Jahren als Kind von der Straße rettete, wurde mit einem einzigen Hieb in den Hals getötet, sie starb in meinen Armen. Immer war ich auf der Vogelseite, sogar Bestandteil immer wiederkehrender Alpträume waren sie – die doofen Katzen.

WENN irgendwas Haustierartiges bei uns einzog, stellte sich bisher nur die Frage nach „AA“ oder „AAA“? Ich vertröstete meine Kinder mit allem, was Batterien hatte und Tiergeräusche machte, praktisch fand ich auch immer den „AUS“-Knopf. Da gibt es wirklich erstaunliche Sachen – Hund, Katze, Affe, lustige Geräusche, niedlich und so pflegeleicht.
Seit fast neun Monaten ist alles anders. Viel ist nicht mehr übrig vom „Schröderschen Manifest gegen Kleintierhaltung“. Während ich diese Zeilen tippe, streicht „Simba“ schnurrend um meine Beine und „Charly“ liegt schlafend auf dem Sessel.

Als wir die zwei Babykatzen Ende Juni 2015 von der „Halo-Ranch“, einem Gnadenhof in Worpswede holten, drehte sich meine ganz persönliche Welt ein Stückchen in die andere Richtung, wurde ein Areal mit Katzenliebe in meiner hintersten Herzregion angetippt – es brauchte keine drei Wochen, und ich verwechselte das Wort „Kinder“ und „Katzen“. „Ich stelle den Kindern eben noch etwas zu fressen hin. Äh, den Katzen.“
Inzwischen fühle ich mit, wenn unser Nachbar mit einer kleinen Glocke klingelnd auf dem Balkon im zweiten Stock steht: „Kooomm, Dickerchen, na koooomm!“. Normalerweise flitzt Dickerchen aus einem Gebüsch über die Wiese und rennt auf den Korb zu, der an einem Seil hinuntergelassen im Garten liegt, damit er die Nacht in einer warmen Wohnung verbringen kann.

Meinen Sohn hätte ich bis zur Pubertät ohne Haustier vertrösten können, doch meine Tochter ist eine Tierflüsterin – Hunde, die beißen, lecken ihr die Hand, Regenwürmer kriechen ihr hinterher. Sie liebt Tiere, sie möchte Tierärztin werden – und das Allerallerallerschönste wäre ein eigenes Haustier! Ein Hund. Nein. Das geht leider wirklich nicht. Alle in diesem Haus arbeiten oder sind in der Schule. Kaninchen? Süß. Aber betreuungsintensiv. Vogel? Nicht kuschelig genug. Fische? Gähn. Also Katze. Frei herumlaufend, kuschelig, ein Ansprechpartner, ein Tier, um das man sich kümmern kann, das teilnimmt am Familienleben.

Meiner ältesten Freundin liefen vor Lachen fast die Tränen übers Gesicht, als sie hörte, dass wir Katzen bekommen: „Du und Katzen?? Nenn sie doch „Ksch-ksch“ und „Verpiss Dich“!! Wir haben sie lieber Simba und Charly genannt. Acht und zehn Wochen waren sie alt, als sie bei uns einzogen – eigentlich zu jung, doch die viel befahrene Landstraße neben dem Stall und ihre wachsende Entdeckerfreude machte alle nervös. Speziell die Glückskatze, Charly, zeigte in den ersten Wochen noch jede Irritation durch das Bepieschern von Bettdecken, ich hatte noch nie soviel Daunenwaschmittel im Haus. Inzwischen sind wir zusammengewachsen. Als die Kinder mit ihrem Vater in den Urlaub fuhren, war der Abschied von den Katzen tränenreicher als der von uns, und Simba und Charly danken es uns Vieren mit Zuneigung und Anhänglichkeit, dem Benutzen des Kratzbaumes und der Katzentoilette.

In absehbarer Zeit werden wir sie rauslassen, dann dürfen sie in der Natur ihre Kreise ziehen. Simba ist inzwischen groß und kräftig, mit kleinen luchsigen Fellpuscheln an den Ohren – wir rechnen damit, nicht Vögel und Mäuse vor die Tür gelegt zu bekommen, sondern Nachbarskatzen. Und ich werde abends auf der Terrasse stehen und klingeln – und hoffen, dass die Kinder, äh Katzen, heil nach Hause kommen.

 

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