Was zum Klicken

Architektin, Kinderärztin, Manager, Werber. Wow! Was für einen Singlemarkt verspricht diese Partnervermittlung. Ich sehe ein, dass Fleischereifachverkäuferin und LKW-Fahrer nicht so werbewirksam und zielgruppenaffin wären. Nur doof, dass sich EIN Single alle 11 Minuten dort verliebt. Zwei wären praktisch, denke ich, wenn ich morgens an den fünf gutaussehenden Plakaten vorbeifahre. Nein, ich hole jetzt nicht mit der Moralkeule aus und singe auch kein Loblied. Denn wie in allen Bereichen des Lebens gibt es auch hier zwei Seiten –  für die einen ist diese Form von Partnersuche nichts, für andere eine große Möglichkeit mehr, Menschen kennen zu lernen, die sie sonst im Alltag nicht treffen würden. Und doch provoziert das Thema „Onlinedating“ krasse Standpunkte. Onlinedating ist ein bisschen wie Angela Merkel – jeder hat sich schon mal damit beschäftigt, jeder hat eine Meinung dazu, selten eine milde.

Jedes extreme Pro und Contra halte ich bei diesem Thema für unsinnig – kenne ich doch glücklich verheiratete Paare mit Kindern, die sich über das Internet kennen gelernt haben, und dann ist da auch noch der ewige Single, der seit zehn Jahren alles ohne Erfolg versucht. Der aber auch schon aussteigt, wenn die Form der Ohrläppchen bei der potentiellen Partnerin nicht passt.

Als ich noch Single war, saß ich mit einer Bekannten bei Pasta und Wein, sie schwärmte mir vor, wie toll das sei, und dass ich mich unbedingt „da überall“ anmelden müsse! Morgens, mittags, abends, ich solle mir das mal vorstellen – Wochenenden voller Dates! Mit dem einen frühstücken, mit dem anderen spazieren gehen und mit dem dritten vögeln – das mache inzwischen richtig Spaß! „Was ist bloß aus den Wochenenden mit Flohmarkt, Kino und Freunden geworden?“, dachte ich.

Was mich stutzig macht, ist nicht die Form der Kontaktaufnahme, was mich nachdenklich macht, ist die große Bedeutung der Eckdaten. Vom Marktplatz der Möglichkeiten zum Tummelplatz der Eitelkeiten: 45jährige, die ausschließlich 20 bis 30jährige suchen, Wünsche nach genauen Größenangaben, Haarfarbenvorgaben, klar umrissen, wie „Du“ sein solltest und was gar nicht geht. Tatsächlich erzählte mir ein Freund, dass er einen total netten Kontakt hatte, aber dass er über die Tatsache, dass sie nur 1,60 Meter klein war, einfach nicht hinwegsehen konnte. Er mag große Frauen. „Sorry, aber Du bist mir einfach zu klein“. Ihr Humor, die netten Chats – hinfällig. Kein Treffen, kein In-die-Augen-gucken, kein Platz für Möglichkeiten.

Hier werden Listen abgehakt. „Süß, süß, gut, ja, klingt super. Nee, iiih – der mag Sting!“ Die Augen grün statt braun? Oh, dann nicht. Und es darauf ankommen zu lassen, ob der Blick in die grünen Augen vielleicht doch genau die Gefühle hervorruft, nach denen man sich schon so lange sehnt – dafür ist hier kein Raum. Geht es heute auch beim Finden der Liebe um Zeitersparnis und Optimierung? Vielleicht ist das so – in Zeiten, in denen man mit einer Fingerbewegung Menschen wegwischt, die optisch nicht passen oder wo bei Nichtgefallen einfach nicht geantwortet wird. In einer aktuellen Studie bewerteten die User solche Apps laut Gründerszene mit schlechten Noten – allerdings waren die Auslöser dafür rein pragmatische – die Facebook-Anmeldung und die GPS-Aktivierung störe. Nicht das Gefühl, einfach weggewischt zu werden? Kann es denn wirklich sein, dass die falsche Haarfarbe, das falsche Horoskop und der falsche Lieblingsfilm einen ins Aus klicken? Dann hätte das Internet die Möglichkeiten erweitert – und die Herzen verkleinert.

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