Hundsbrief

Hamburg. Im Mai 2016.

Gestern bist Du, Großer, mit meiner Lieblingsstiefelette in der Schnauze an mir vorbei getobt, den Kopf wild schleudernd, schwanzwedelnd und so in Schwung gekommen, dass Du fast gehüpft bist. 40 Kilo Labrador. Du bist zu dick. Und wir können nicht genug von Dir bekommen.
Und Du, Du kleiner Kläffer – Du hast mir gerade vor Freude fast Löcher in meine Strumpfhose gesprungen. Richtig böse sein kann ich Dir nicht.

Als Weißer Schäferhund solltet Ihr in diesen Wochen eigentlich geboren werden, oder im Sommer, als Elo. Das war der Plan. Ein (!) Welpe solltet Ihr sein. Nach reiflicher Überlegung, Pro und Contra, durchgeklickten Internetseiten und Gesprächen entschieden wir uns gegen einen Hund aus Rumänien oder Griechenland – unbeschwert und nur von uns geprägt sollte unser Familienhund sein. Und doch war ich zwischendurch immer wieder auf den Tierheimseiten unterwegs, denn eine leise Stimme flüsterte unentwegt: „Es gibt so viele Tiere, die ein Zuhause brauchen, warum ein extra gezüchtetes? Vielleicht wartet irgendwo jemand auf Euch, der sonst keine große Chance hätte.“ Ich schob das zur Seite, der Termin war gemacht, alles war gut durchdacht.
Und dann kamt Ihr.
Und das Herz. Und irgendwas von ganz oben, was mich an diesem einen Tag auf die Website des Hamburger Tierschutzvereins gucken ließ, auf die Seite mit den großen Hunden. Aufgeregt habe ich die Seite mit Euch weitergeleitet, „Das sind sie, das sind unsere Hunde“, kam prompt zurück. Lucky und Schröder. Was für ein Gespann. Im Tierheim sagte man uns, dass ein Duo in Hamburg immer schwerer zu vermitteln sei, doch man wolle alles versuchen, damit man Euch nicht trennen müsse. Die Mitarbeiter waren alle sehr nett, kompetent und engagiert – und ein paar Tage später standen wir vor Eurem Zwinger. Euer Herrchen war vor ein paar Wochen gestorben, man sagte uns, dass Du Schröder, anfangs niemanden an Dich heran ließest, jeder wurde weggebellt, zu groß waren die Trauer und die Verwirrung. Und als wir da so am Gitter standen, gingst Du, Schröder, nach hinten, und auf dem Weg dort hin hieltest Du kurz an und drehtest Dich nach Deinem Freund Lucky um, der Dir bereits auf den Fersen war. Dieses Bild ist geblieben. Euch trennen? Unmöglich.

Die Entscheidung musste nicht überlegt und gefällt werden. Sie war einfach da. So wie Ihr. Fast jeden Tag haben wir Euch besucht, vor zweieinhalb Wochen seid Ihr eingezogen. Jetzt haben wir keinen Kofferraum mehr. Dafür überall viele Haare. Unseren Teppich lassen wir morgen abholen, denn Du, Schröder, hast gleich getestet, wie wir mit brechenden Hunden umgehen können. Dass der Kater keine Beute ist, hast Du inzwischen raus, und Lucky, Du merkst, dass Simba Dir nichts tut, wenn Du ihn in Ruhe lässt. Am dritten gemeinsamen Tag waren wir im Freilauf. Der Bauch sagte ja, aber nervös waren wir trotzdem, als wir Eure Leinen lösten. Ihr seid bei uns geblieben. Und wir bleiben bei Euch.

Wenn Menschen mit Tieren nichts anfangen können, werden sie mit diesen Zeilen sicher ebenfalls nicht warm. Doch für uns seid Ihr innerhalb weniger Stunden zu Familienmitgliedern geworden. Eure Seele, Euer Wesen, Eure Zuneigung, das kann man schwer in Worte fassen, Eure Nähe tut uns allen gut. Ihr trauert noch, das merken wir. Als ich Dir vorgestern den Rücken kraulte, legtest Du Deine Pfote auf meinen Fuß, Schröder, und gucktest mich so intensiv und traurig an, stießt einen tiefen Seufzer aus und machtest die Augen dabei zu. Als wolltest Du sagen „Geschafft“. Und, Lucky, Du magst uns am liebsten gar nicht aus Deinem Blick lassen. Es ist eine Wohltat zu sehen, wenn Du kleines Energiebündel doch mal in Ruhe einschlafen kannst. Eure Freude, wenn wir durch die Tür kommen, ist mehr als überschwänglich, als könntet Ihr es gar nicht fassen, dass wir wirklich immer wieder kommen. Die Zeit wird die Wunden heilen und uns noch weiter zusammen wachsen lassen, das wissen wir.
„Und Sie wollen einen Zoo aufmachen, Frau Schröder?“, fragte mich die Tierärztin. Nein. Es bleibt bei zwei Katzen und zwei Hunden. Und die Kätzchen sind ebenfalls per Zufall zu uns gekommen. Zufall? „Mama, es fühlt sich ein bisschen so an, als hätten Lucky und Schröder sich auch uns ausgesucht“. Herz.

Willkommen Zuhause, Lucky & Schröder!

 

 

 

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