Ey, Zweitausendzweiundzwanzig! Was geht?

Sie lagen in der hintersten Ecke ganz unten im Karton auf dem Dachboden – Terminkalender aus den Jahren 1990 bis 1993. Und während ich beim Durchblättern ab und zu hochschaue und meine Tochter angucke, frage ich mich, wie sie wohl in ein paar Jahren sein wird. Im nächsten Moment richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die eng beschriebenen Zeilen und frage mich außerdem: Was zum Teufel hat eine Fünfzehnjährige eigentlich für Termine?  Was für Termine, die einen ganzen Kalender benötigen? Schule, Fußball, Hockey, ein paar Verabredungen – das kann man sich doch so merken?

Und dann sehe ich: Als Fünfzehnjährige wusste ich die damals üppige Freizeit gut zu nutzen. Schulschluss um 13 oder 14 Uhr, Abi in 13 oder 14 Jahren – fast jede Zeile ist mit Müßiggang gefüllt. Gefühlt steht da jede Woche „Billard spielen mit Kathi“, jeden dritten Tag hatte irgendjemand Geburtstag, und ich sehe … lauter Parties! Fete-Startloch, Tini-Party, Alex-Party.. Und: Sit-ins! Das Event der Neunziger: Ein Sit-in. Damals tummelten sich sechs bis zwölf Teenager in Jugendzimmern, hörten Musik und hingen ab. Und das ganz ohne WhatsApp-Gruppe, die Telefonkette funktionierte. Manchmal stundenlang. Der Zoff mit den Eltern war Programm („WIE lange telefonierst Du schon? Niemand kann uns erreichen!!“).

1991 kamen Bandproben, Job bei „Brinkmann“ und „Hall Of Fame“ dazu, die Klassenarbeiten kreiste ich vorsichtshalber dick ein, hätten ja untergehen können zwischen den Aktivitäten.

Simple-Minds-, Tears For Fears- und Simply-Red-Konzert … ok, auch Melissa Etheridge und Heinz Rudolf Kunze habe ich damals gesehen. Selektive Erinnerung.

Neben den Sinnsprüchen, die ich als Sechzehnjährige zwischen den Blättern notierte („Nur Veränderung der Verhältnisse ermöglicht gutes Leben“), den Zensuren, ganz hinten reingekritzelt (Bio: 2, Mathe: 6, Volleyball: 1), finde ich die Adressbücher am spannendsten. Namen, die ich nicht zuordnen kann. Kein Gesicht dazu. Nichts. Und auch wenn ich diesen Bereich als beachtlich gefüllt empfinde – gegen die heutige Masse an Facebookfreunden bei den meisten Fünfzehnjährigen, gebe ich zu, ist das eher jämmerlich.

Wir hatten viel Zeit, wir haben viel unternommen und viel geredet damals, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Ich frage mich, wie dieses Alter für meine Kinder werden wird – während ich mit 15 kichernd zuckersüßen Chris-Fruchtsekt schlürfte, werden meine Kinder schon längst ihre ersten Alkopops getrunken haben? Hört man heute noch zusammen Musik, sitzt mal schweigend beieinander – ohne dabei ein Handy vor der Nase zu haben? Wie sind die so – die Sit-ins des neuen Jahrtausends?

Und dann zucke ich kurz panisch und denke – vielleicht geht das auch schon mit Zwölf los? Ich höre und lese immer wieder, dass Kinder heute frühreifer sind, dass die Pubertät ein paar Jahre eher beginnt – und bei einigen Eltern habe ich den Eindruck, sie finden es super, wenn ihre Kinder früh groß, vernünftig und erwachsen wirken. Und ich denke: Ja, man reißt Fliegen nicht die Beine aus, man haut nicht – und man sollte nicht mit Fremden mitgehen, soviel Verantwortungsbewusstsein bei einem Kind finde ich gut. Aber ich freue mich, wenn meine Kinder möglichst lange das Privileg der Kindheit leben: kindlich sein, voller Fantasie, verquatscht, verspielt und mit ganz vielen Rosinenflausen im Kopf.

Wir werden dank der Lebensbedingungen und der Medizin immer älter, wir sind den kleinsten Teil unseres Lebens Kind und die meiste Zeit erwachsen. Mehr als nötig von der Kindheit abzugeben – wäre das nicht verrückt?

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