Männer – zum Motzen!

„Was für eine Dreistigkeit, das gibt es ja nicht! Das kann nur ein Mann sein!“ „Allerdings! Sowas von egoistisch! Das ist garantiert ein Mann.“ Verbitterung. Kopfschütteln. Schmale Lippen. Nur ein falsch abgestelltes Auto aktiviert innerhalb von drei Sekunden eine Wut, die eine lange Schimpftirade ankurbelt, einen Austausch darüber, wie scheiße und unnütz Männer doch seien.

Natürlich ist es doof, dass der Wagen halb in der Ausfahrt steht, ja – das ist genau genommen auch egoistisch. Aber diese Eigenschaften automatisch „der Männerwelt“ zuzuschreiben? Kommt es nur mir so vor, dass solche Thesen hauptsächlich Frauen ab 35 frustriert und einseitig in die Luft spucken?

Ich stehe daneben, beobachte den kurzen Wutwechsel zwischen den Damen und denke gar nicht mehr über das falsch abgestellte Auto nach. Nur diese Frauen sehe ich, die auf einmal sehr zufrieden wirken, dass sie den Beweis für ihre globale Abneigung gegen Männer direkt vor sich parken sehen. „Meine Güte“, denke ich, „was ist da bloß schief gelaufen?“

Was muss passieren, um eine Menschengruppe so pauschal in die Akte „Unterirdisch“ abzulegen? Erziehung? Schlechte Erfahrungen? Unzufrieden mit sich selbst? Eine Mischung aus allem? Ob diese Frauen auch etwas gegen Frauen haben, die Männer mögen? Woher kommt diese Stinkwut auf Männer? Na klar, sie können nerven. Und bestimmt ist es auch so, dass einige Charaktereigenschaften eher als „typisch männlich“ einzustufen sind. Aber, Ladies: Mal in die eigenen Reihen geschaut? Was sagt Ihr dazu, wenn sich ein Mann hinstellt und verkündet: „Zickig, kompliziert, überempfindlich – so sind sie, die Frauen.“ Wer da als Erste vor Entrüstung unter die Decke knallt, ist klar. Wer nur die negativen Seiten der „Kerle“ herauspult und sich selber als rücksichtsvoll und feinfühlig feiert, der kann nicht ganz rund laufen.

In diesem Moment rennt ein junger Mann zum Auto, die Hände in die Luft gehoben: „Entschuldigung! Es war weit und breit kein Parkplatz vor dem Kindergarten frei, ich habe nur schnell meine Tochter durch die Tür geschoben, damit die Kleine ihren Singkreis nicht verpasst.“ Ts. Also wirklich – was für ein egoistischer Idiot.

Was zum Klicken

Architektin, Kinderärztin, Manager, Werber. Wow! Was für einen Singlemarkt verspricht diese Partnervermittlung. Ich sehe ein, dass Fleischereifachverkäuferin und LKW-Fahrer nicht so werbewirksam und zielgruppenaffin wären. Nur doof, dass sich EIN Single alle 11 Minuten dort verliebt. Zwei wären praktisch, denke ich, wenn ich morgens an den fünf gutaussehenden Plakaten vorbeifahre. Nein, ich hole jetzt nicht mit der Moralkeule aus und singe auch kein Loblied. Denn wie in allen Bereichen des Lebens gibt es auch hier zwei Seiten –  für die einen ist diese Form von Partnersuche nichts, für andere eine große Möglichkeit mehr, Menschen kennen zu lernen, die sie sonst im Alltag nicht treffen würden. Und doch provoziert das Thema „Onlinedating“ krasse Standpunkte. Onlinedating ist ein bisschen wie Angela Merkel – jeder hat sich schon mal damit beschäftigt, jeder hat eine Meinung dazu, selten eine milde.

Jedes extreme Pro und Contra halte ich bei diesem Thema für unsinnig – kenne ich doch glücklich verheiratete Paare mit Kindern, die sich über das Internet kennen gelernt haben, und dann ist da auch noch der ewige Single, der seit zehn Jahren alles ohne Erfolg versucht. Der aber auch schon aussteigt, wenn die Form der Ohrläppchen bei der potentiellen Partnerin nicht passt.

Als ich noch Single war, saß ich mit einer Bekannten bei Pasta und Wein, sie schwärmte mir vor, wie toll das sei, und dass ich mich unbedingt „da überall“ anmelden müsse! Morgens, mittags, abends, ich solle mir das mal vorstellen – Wochenenden voller Dates! Mit dem einen frühstücken, mit dem anderen spazieren gehen und mit dem dritten vögeln – das mache inzwischen richtig Spaß! „Was ist bloß aus den Wochenenden mit Flohmarkt, Kino und Freunden geworden?“, dachte ich.

Was mich stutzig macht, ist nicht die Form der Kontaktaufnahme, was mich nachdenklich macht, ist die große Bedeutung der Eckdaten. Vom Marktplatz der Möglichkeiten zum Tummelplatz der Eitelkeiten: 45jährige, die ausschließlich 20 bis 30jährige suchen, Wünsche nach genauen Größenangaben, Haarfarbenvorgaben, klar umrissen, wie „Du“ sein solltest und was gar nicht geht. Tatsächlich erzählte mir ein Freund, dass er einen total netten Kontakt hatte, aber dass er über die Tatsache, dass sie nur 1,60 Meter klein war, einfach nicht hinwegsehen konnte. Er mag große Frauen. „Sorry, aber Du bist mir einfach zu klein“. Ihr Humor, die netten Chats – hinfällig. Kein Treffen, kein In-die-Augen-gucken, kein Platz für Möglichkeiten.

Hier werden Listen abgehakt. „Süß, süß, gut, ja, klingt super. Nee, iiih – der mag Sting!“ Die Augen grün statt braun? Oh, dann nicht. Und es darauf ankommen zu lassen, ob der Blick in die grünen Augen vielleicht doch genau die Gefühle hervorruft, nach denen man sich schon so lange sehnt – dafür ist hier kein Raum. Geht es heute auch beim Finden der Liebe um Zeitersparnis und Optimierung? Vielleicht ist das so – in Zeiten, in denen man mit einer Fingerbewegung Menschen wegwischt, die optisch nicht passen oder wo bei Nichtgefallen einfach nicht geantwortet wird. In einer aktuellen Studie bewerteten die User solche Apps laut Gründerszene mit schlechten Noten – allerdings waren die Auslöser dafür rein pragmatische – die Facebook-Anmeldung und die GPS-Aktivierung störe. Nicht das Gefühl, einfach weggewischt zu werden? Kann es denn wirklich sein, dass die falsche Haarfarbe, das falsche Horoskop und der falsche Lieblingsfilm einen ins Aus klicken? Dann hätte das Internet die Möglichkeiten erweitert – und die Herzen verkleinert.

Wider Willen watteweich

„Mein Kind hat Hautausschlag und seit drei Tagen 40 Fieber – was meint Ihr könnte das sein?“ Keine Ahnung. Fieber mit Hautausschlag? Aber am besten wartest Du noch drei Tage – und bekommst qualifizierte Antworten von Fremden aus dem Internet. Geh bloß nicht zum Arzt.
Und wieder einmal in der Rubrik „Dumme zum Mitreden gesucht“ angelangt, fällt mir alles aus dem Gesicht, wenn ich solche Einträge in Elternforen lese.

Um nichts Existentielles ging es heute. Oder doch? Ich war im Reiseforum unterwegs – auf der Suche nach guten Tipps für Ziele mit Kindern.
Eine immer wiederkehrende Fragen fiel mir ins Auge: „Kann ich meinem Kind eine lange Autofahrt zumuten?“ Haha!! Na, wenn Du vorhast, Dein Kind mit Klebeband am Rücksitz festzubinden, ihm fünf Stunden lang Nahrung, Trinken und Aufmerksamkeit zu verwehren, dann könnte es schon etwas strapaziös werden.
Wenn es allerdings eine zwar lange aber etwas nett gestaltete Autofahrt mit genügend Pausen wird – warum um Himmels willen denn nicht? Aus dem Bedürfnis heraus, Kindern nichts zuzumuten, entsteht die fatale Haltung, Kindern nichts mehr zuzuTRAUEN. Die Lütten können so einiges und vor allem wollen sie eins nicht: Komplett in Watte gepackt werden.

„Mein Kind hat Sand gegessen – wird es jetzt krank?“, „Dein Peer-Ole hat meinem Liam-Milan eins mit der Schaufel übergezogen – da sollten wir alle gemeinsam drüber reden“, „Oh nein, Schatz – eine Beule! Mami holt Dir gleich die Zauberpillen, dann wird es nicht so dick!“ (Willkommen, liebe Generation potentieller Tablettensüchtiger! Aber – anderes Thema an einem anderen Tag)
Meine Güte.
Auch ich behüte meine Kinder, auch ich möchte, dass es ihnen gut geht. Doch manchmal frage ich mich, was aus all den Kindern werden soll, die nicht mal ne ordentliche Portion Sand verdrücken dürfen, ohne dass Mama gleich mit einem halben Liter Wasser nachspült. Die nicht einmal streiten dürfen, ohne dass die Erwachsenen mit LatteMacchiatoHalbfettDecafToGo in der Hand endlich ihre langweiligen Gespräche unterbrechen und sich als Streitschlichter aufspielen können ? Und ne Beule? Geht von selbst wieder weg. Überraschung.

Welche Freiheiten haben diese Kinder noch? Was für ein Selbstverständnis bekommen sie, wenn sie nicht herausfinden dürfen, dass Bäume verdammt hoch sein können – dass sie es aber ganz alleine schaffen können, da wieder herunterzukommen. Wenn sie nie feststellen dürfen, dass Beulen von selbst abschwellen, ohne dass sie sofort etwas draufgerieben oder eingeschmissen bekommen – dass ihr Körper durchaus robust ist, wenn sie gesund sind und dass sie Dinge auch mal alleine regeln können?
Dass sie auf sich selbst vertrauen und sich selbst etwas zutrauen können?

Wenn ich abends von den Bäumen am Garagenhof herunterkletterte, um zum Abendbrot rechtzeitig zurück zu sein, habe ich keine medizinische Inspektion erdulden müssen. Schrammen zählte ich höchstens als Trophäen zum Angeben und ein Pflaster gab es, wenn das Blut drohte, das Sofa zu versauen. Liebevoll pustete mir meine Mama auf Beulen oder legte kurz einen kalten Löffel drauf.

Und Autofahrten? Lang! Sehr lang! Wenn es nachts losging, mein Papa mich mitten in der Nacht aus dem Bett in eine Wolldecke gewickelt zum Auto trug, ich halbwach die kühle Nachtluft an meinen Füßen fühlte, um dann fünf Stunden später im Auto zu Gebrumme und leiser Musik aufzuwachen – da waren wir schon ein gutes Stück gereist! Zu Viert fast 1500 Kilometer, na klar – das war nicht schnell, das war ne echte Reise, geflogen ist in den Siebzigern und Achtzigern kaum jemand. Aber so haben wir uns die schönen Reiseziele erobert – per Autobahn, Zwischenstopps, Walkman, Malblöcken, Nummerschildwortspielen und in Dauerschleife „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ Drei Wochen Meer und Sonne haben uns für alles entschädigt. Hey! Wir waren in Italien!
Und der Sand schmeckte köstlich.

Lack mich

Wenn die Bohrmaschine sich durch den Putz fräst, die Schleifmaschine eine samtige Oberfläche hinterlässt, etwas durch Holzleim hält, was zusammen gehört – das fühlt sich an wie Pudding ohne Klümpchen. Oder ohne Patzer lackierte Fingernägel: stimmig, befriedigend, wohlig. Witze über Frauen in Baumärkten kann ich nur schwer nachvollziehen – fast genauso gern wie durch Schuhläden flaniere ich bei Bauhaus & Co durch die Regalreihen. Am liebsten mit ganz viel Zeit und Geld bewundere ich Akkubohrer, Wandfarben und Lötkolben. Am allerschönsten ist es, wenn ich ein Werkzeug wirklich brauche, um etwas zu realisieren – und so freue ich mich noch immer über diesen kleinen, praktischen und hübschen Multischleifer, der alles glattschleift, was man ihm unter die dreieckige Nase hält. Neben einem begehbaren Kleiderschrank mit endlosen Schuh-, Schal- und Handtaschenfächern, wäre mein Traum ein richtiger Werkraum! Einer mit ner schicken dunkelblauen Werkbank, so eine mit allem Pipapo – dazu Gläser mit verschiedenen Schrauben und Nägeln, einem Werkstattradio, Kaffeemaschine, Vorrichtungen, wo lackierte Dinge in Ruhe trocknen können, äh, nein – keine Ablage für Hände. Hach, eine fest installierte Kreissäge – das wär’s! In Baumärkten werden „Ladies Nights“ angeboten, wo handwerklich interessierte Frauen lernen können, wie man Fliesen verlegt oder Waschbecken installiert. Jemand schon mal da gewesen? Jemand Lust, mal mitzukommen? Nägel lackieren sollte man natürlich erst anschließend.

Batterielose Liebe

Karnickel, die mich traurig durch Gitterstäbe anglotzen, Vögel, die vor Langeweile von der Stange kippen, Hamster, die mich nachts durch Laufradgeratter wach halten? „Niemals. Niemals werden wir Haustiere haben. Das kann ich hier und jetzt versprechen.“ Jahrelang konnte ich diese Zusage, die vor allem an mich selbst gerichtet war, halten. Speziell Katzen fanden nie den Weg in mein Herz – früh brachte ich meinen Kindern bei, gegen die Terrassentür zu bollern, um die dicken Fellknäuel vor unserem Fenster zu verscheuchen, entsetzt sah ich mit an, wie der Nachbarskater einen Eichelhäher auf der Wiese vor dem Haus in Einzelteile zerlegte. Die Babytaube, die ich vor 30 Jahren als Kind von der Straße rettete, wurde mit einem einzigen Hieb in den Hals getötet, sie starb in meinen Armen. Immer war ich auf der Vogelseite, sogar Bestandteil immer wiederkehrender Alpträume waren sie – die doofen Katzen.

WENN irgendwas Haustierartiges bei uns einzog, stellte sich bisher nur die Frage nach „AA“ oder „AAA“? Ich vertröstete meine Kinder mit allem, was Batterien hatte und Tiergeräusche machte, praktisch fand ich auch immer den „AUS“-Knopf. Da gibt es wirklich erstaunliche Sachen – Hund, Katze, Affe, lustige Geräusche, niedlich und so pflegeleicht.
Seit fast neun Monaten ist alles anders. Viel ist nicht mehr übrig vom „Schröderschen Manifest gegen Kleintierhaltung“. Während ich diese Zeilen tippe, streicht „Simba“ schnurrend um meine Beine und „Charly“ liegt schlafend auf dem Sessel.

Als wir die zwei Babykatzen Ende Juni 2015 von der „Halo-Ranch“, einem Gnadenhof in Worpswede holten, drehte sich meine ganz persönliche Welt ein Stückchen in die andere Richtung, wurde ein Areal mit Katzenliebe in meiner hintersten Herzregion angetippt – es brauchte keine drei Wochen, und ich verwechselte das Wort „Kinder“ und „Katzen“. „Ich stelle den Kindern eben noch etwas zu fressen hin. Äh, den Katzen.“
Inzwischen fühle ich mit, wenn unser Nachbar mit einer kleinen Glocke klingelnd auf dem Balkon im zweiten Stock steht: „Kooomm, Dickerchen, na koooomm!“. Normalerweise flitzt Dickerchen aus einem Gebüsch über die Wiese und rennt auf den Korb zu, der an einem Seil hinuntergelassen im Garten liegt, damit er die Nacht in einer warmen Wohnung verbringen kann.

Meinen Sohn hätte ich bis zur Pubertät ohne Haustier vertrösten können, doch meine Tochter ist eine Tierflüsterin – Hunde, die beißen, lecken ihr die Hand, Regenwürmer kriechen ihr hinterher. Sie liebt Tiere, sie möchte Tierärztin werden – und das Allerallerallerschönste wäre ein eigenes Haustier! Ein Hund. Nein. Das geht leider wirklich nicht. Alle in diesem Haus arbeiten oder sind in der Schule. Kaninchen? Süß. Aber betreuungsintensiv. Vogel? Nicht kuschelig genug. Fische? Gähn. Also Katze. Frei herumlaufend, kuschelig, ein Ansprechpartner, ein Tier, um das man sich kümmern kann, das teilnimmt am Familienleben.

Meiner ältesten Freundin liefen vor Lachen fast die Tränen übers Gesicht, als sie hörte, dass wir Katzen bekommen: „Du und Katzen?? Nenn sie doch „Ksch-ksch“ und „Verpiss Dich“!! Wir haben sie lieber Simba und Charly genannt. Acht und zehn Wochen waren sie alt, als sie bei uns einzogen – eigentlich zu jung, doch die viel befahrene Landstraße neben dem Stall und ihre wachsende Entdeckerfreude machte alle nervös. Speziell die Glückskatze, Charly, zeigte in den ersten Wochen noch jede Irritation durch das Bepieschern von Bettdecken, ich hatte noch nie soviel Daunenwaschmittel im Haus. Inzwischen sind wir zusammengewachsen. Als die Kinder mit ihrem Vater in den Urlaub fuhren, war der Abschied von den Katzen tränenreicher als der von uns, und Simba und Charly danken es uns Vieren mit Zuneigung und Anhänglichkeit, dem Benutzen des Kratzbaumes und der Katzentoilette.

In absehbarer Zeit werden wir sie rauslassen, dann dürfen sie in der Natur ihre Kreise ziehen. Simba ist inzwischen groß und kräftig, mit kleinen luchsigen Fellpuscheln an den Ohren – wir rechnen damit, nicht Vögel und Mäuse vor die Tür gelegt zu bekommen, sondern Nachbarskatzen. Und ich werde abends auf der Terrasse stehen und klingeln – und hoffen, dass die Kinder, äh Katzen, heil nach Hause kommen.

 

Back on Track

Samstagnacht ist Vollmond! Und hier geht der Schreibbetrieb wieder los.

Bei uns gibt’s mehr Lametta

„Na, auch im Weihnachtsstress?“ Nö. Nicht, weil bei mir immer alles entspannt wäre, aber Weihnachten und Stress? Dazu habe ich keine Lust mehr. Der optimale Gänsebraten, der perfekte Baum, das glänzende Haus – das kann toll sein! Muss aber nicht sein, damit es toll wird. Die schöne Stimmung, die lauten Lieder, die leuchtenden Augen – die dürfen für mich nicht fehlen. Und die gibt es nicht zwingend durch einen straff organisierten Rahmen, der nur steht, weil ein oder zwei Menschen im Raum Augenringe bis nach Paris haben und ständig am Gähnen sind.

Mir fällt immer wieder auf, dass Viele davon sprechen, wie stressig diese besinnliche Zeit ist, wie viele Termine man doch hat und wie überfüllt alles ist – der Kalender, der Kopf, die Taschen, die Nerven.
Warum ist das so? Weil alles zu diesem Zeitpunkt im Jahr besonders perfekt sein muss? Allein der Satz „Wollen wir uns vor Weihnachten noch mal treffen?“ Und dann hektische Flecken, wenn man den gemeinsamen Glühwein nicht mehr schafft. Als gäbe es kein „Danach“, kein Leben nach dem Weihnachtsmarkt.
Woraus entsteht dieser Anspruch, dieser Druck, den sich jeder selber macht? Und wie schnell steckt man da bitte selber drin? Wenn ich an frühere Heiligabende denke – an die aufwändigen Essen, kompliziert einkaufen, zwei Stunden kochen – und die Hoffnung, dass die Kinder es schaffen, nach all der Aufregung fünf Minuten am Tisch zu sitzen, ohne mit dem Gesicht in den Teller zu fallen. Und dann? Schnell noch ne Gabel in den Mund schieben, kauend aufstehen und Nummer Eins ins Bett bringen, zwischendurch beruhigende Rufe zu der wartenden Runde: „Komme gleich! Esst ruhig weiter!!“
Wieder runter, das lauwarme Essen weiter essen, „Mama-Rufe“ von oben, also wieder rauf, wieder kauend, schnell noch einen Schluck Rotwein hineinschütten und das Kind in den Schlaf schaukeln. Nach gefühlten drei Tagen wieder runter und das kalte Essen zu Ende essen. Zwei Runden Heiligabend auf diese Art – und ich schwor mir und allen Beteiligten: Das ändert sich. Heiligabend gibt es jetzt Raclette. Und diese eine Ecke da, die schaffe ich trotz der gewonnenen Zeit manchmal nicht aufzuräumen, so wie an den anderen 362 Tagen im Jahr auch.

Oh. Und was ist mit dem Weihnachtsbaum? Hab ich noch nicht. Ich wollte auf den Tag warten, bis ich ihn mit meinen Kinder gemeinsam kaufen kann… zwischen Arbeit, Schule, Hobbys und chronischem „Oh. Mist. Vergessen“, kann es bis eine Woche vor Weihnachten dauern. Da bekommt man nur noch die verwachsenen Restmodelle, die kümmerlichen Exemplare mit den krummen Spitzen und den kahlen Stellen – die, die keiner wollte? Dann gibt’s eben ne Portion mehr Lametta an die Nadeln! Wird eh der schönste Baum in Hamburgs Osten – weil die Kinder ihn alleine schmücken und alle Geschmacksgesetze außer Kraft setzen werden.

Mir sagte mal jemand vor längerer Zeit: Kippe den Anspruch auf 100 Prozent, 85 reichen. Chapeau! Und nun erfreue ich mich an der Weihnachtszeit, ich freue mich auf Weihnachten. Ich war auf ein paar Weihnachtsveranstaltungen, aber nicht auf allen (das wäre ja in Stress ausgeartet). Ich habe alle Geschenke, nicht fünf Wochen vorher, aber ohne Stress. Ich kaufe erst nächste Woche ein, das reicht. Bude wird natürlich aufgeräumt und geputzt – so weit wie ich es schaffe. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Vor ein paar Tagen haben wir beschlossen, ein paar Schulfreunde der Kinder mit netten Eltern am Wochenende vor Heiligabend einzuladen – eine kleine Vorweihnachstparty soll es werden. Es haben fast alle zugesagt – und nun kommen etwa 14 Erwachsene und 15 Kinder. Drei Schulfreunde durften ursprünglich hier übernachten, jetzt werden es sechs. Vorbereitung? Klar. Klappt schon.
Und um Himmels willen – was ist denn nun mit dieser rummeligen Ecke da? Dazu fällt mir mein neuer Lieblingssatz ein: „Is mir egal, ich lass das jetzt so.“

Alte Heldin, neue Heldin

Fast hätte ich es gar nicht mitbekommen, fast wäre ich zu müde gewesen, fast wäre ich nicht hingegangen. Wie viele Dinge im Leben wohl nur „fast“ passieren? Egal. Wichtig ist, dass sie passieren. Dass man sich aufrafft, dass man die Gelegenheit beim fast kahlen Schopfe packt. Und dann befindet man sich nicht nur fast, sondern mitten drin – in den Momenten, die man nicht vergisst. Die man vor 25 Jahren gern erlebt hätte. Und die man nun doch noch zur Lebensliste hinzufügen darf: „Neneh Cherry einmal live sehen.“

Ein elektronisch elektrisierender Abend, auf der Bühne steht meine Heldin des letzten Jahres der Achtziger. 14 war ich, als ich sie in ihren knöchelhohen Turnschuhen, Radlerhosen, den unbändigen Locken und Gesten so unglaublich toll fand, dass ich mich in Pseudohiphopklamotten schmiss, obwohl das am Berner Bahnhof in Hamburg wahrscheinlich einen etwas anderen Styleeffekt hatte als im Video von „Buffalo Stance“. Megalässig fühlte ich mich trotzdem. Immerhin hatte ich zu dem Zeitpunkt das Skateboard, die großen pinkfarbenen Madonna-Plastikherzohrringe und die weißen Michael-Jackson-Handschuhe deaktiviert.

„Raw like Sushi“ konnte ich rauf und runter mitsingen, im „Haus der Jugend“ in Volksdorf tanzten wir dazu freitagabends um 21 Uhr. Teenagerdisko. Es war 1989. Was habe ich meine Eltern angemotzt, wenn sie es wagten, zwei Meter zu nahe am Eingang zu parken, sodass alle sehen konnten, dass die 14jährige mit ihren Freundinnen abgeholt wird?
Über zwanzig Jahre später stehe ich nun im „Übel und Gefährlich“, und ich freue mich über meinen Parkplatz direkt vor der Tür. Und ebenfalls fast direkt vor mir tanzt eine so coole Musikerin auf der Bühne, dass ich es kaum erwarten kann, 49 zu werden. Und das Publikum erst – das ist angenehm alt. Kein Smartphonegewitter, fast alle konzentrieren sich auf die Musik, auf die Künstlerin, keine Massenknipserei macht die Atmosphäre kaputt. Nur neben mir steht eine Frau, die mir etwas leid tut, so hektisch bemüht ist sie, ein Foto zu machen. Da ich darauf tippe, dass sie nicht den Hinterkopf ihres Vordermannes erinnerungswürdig findet, sind die überblitzten Fotos eine schlechte Ausbeute ihrer endlosen Versuche. Ich bedauere sie, weil sie nichts fühlen kann – außer den Frust, dass es mit den Fotos nicht klappt. Die dramaturgischen Wellen der Musik, die Tanzattacken, die Gänsehautmomente – die bekommt sie nicht mit. Zu beschäftigt ist sie. Nie werde ich es nachempfinden können, warum Menschen so krampfhaft darum bemüht sind, jeden einzelnen Moment auf Fotos fest zu halten, denn welches Gefühl hat man noch beim Betrachten der Bilder, wenn der Augenblick zwar auf dem Handy aber nicht im Herzen gespeichert ist?
Neneh Cherry singt und tanzt, das Publikum freut sich rauf und runter. Das neue Album ist – einfach ausgedrückt – ein Knaller. Einige wenige Comebacks sind nicht lächerlich. Und Neneh Cherry hat gezeigt, wie das geht.

Stilblüten

Aus dem Kindermundarchiv:

2009: Ich singe meinem Sohn, 3 Jahre, ein Gute-Nacht-Lied im Kreis vor, fünf Mal, sechs Mal. Plötzlich guckt er mich hellwach an: „Mama, ich glaube es reicht jetzt.“

2009: „Mama, bei „Mausi auf dem Bauernhof“ ist ein riiieesiger Bimpenwüss.“
Er meinte: Tintenfisch.

2011: Ich bitte meinen Sohn, 5 Jahre: „Hilfst Du mir eben beim Aufdecken?“
„Och nöö, ich helfe Dir lieber beim Essen!“

Glotzendes Grauen

Mondlicht scheint durch das Fenster, Schatten fallen auf den Teppich. Schlafenszeit. Seine schwarzen großen Augen glänzen in der Dunkelheit. Er starrt mich an. Er atmet nicht. Diese Augen, die sich über den ganzen Kopf ausbreiten, lassen mich nicht aus seinem glotzenden Blick. Meine Tochter liegt im Bett, sie ist fast eingeschlafen. Mit einem Ruck setzt sie sich auf, streckt die Arme aus und schreit hysterisch: „Mein Gluuubschiii!“

Seltsame Spielzeuge gibt es. Gab es schon immer. Hässliche Trolle mit bunten Haaren, muskelbepackte Mackerbarbies namens Big Jim und Schallplatten des mutierten Frosches Plumpaquatsch – die liebte ich als Kind. Wenn heute ein Stofftier mit einem großen Kopf so aussieht, als drücke man ihm den Hals zu, der Körper verschwindend klein ist und das eigene Kind anfängt zu quietschen, wenn es das geliebte Grässliche im Ladenregal entdeckt, dann kann es sich nur um einen Glubschi handeln. Jedes erdenkliche Tier wurde auf diese seltsamen Proportionen zurecht geschrumpft und mit hervortretenden Augen versehen: Affen, Bienen, Hunde, es gibt sogar ein Einhorn mit pink-, türkisfarbenen und gelben Flecken, einem lilafarbenen Puschel auf dem Kopf, einem pink glitzernden Minihorn auf der Stirn – und natürlich AUGEN. Es steht bei uns. Es wird geliebt. Nicht von mir.
Und fürchte ich als Mutter, nur mein Kind würde dieser Geschmacksverirrung aufsitzen, und ich versuche bereits, es tiefenpsychologisch begründen zu wollen, dann kann ich mir getrost sagen: Ich bin nicht allein. Alle wollen Glubschis – und auch an uns geht leider kein Hype vorbei. Der Glubschi ist das Must-Have der Fünfjährigen, das It-Peace jeder Kindergartenbande. Was kommt als nächstes? Ich befürchte: Furbys. Dieses Grauen kann sogar sprechen.