Fortuna für alle

„Als ich fünf Jahre alt war, sagte mir meine Mutter, dass glücklich sein der Schlüssel zum Leben sei. In der Schule fragten sie mich dann, was ich später einmal werden möchte. Ich schrieb hin: „Glücklich.“ Sie sagten mir, dass ich die Aufgabe nicht verstanden hätte, und ich sagte ihnen: „Ihr habt das Leben nicht verstanden.““

John Lennon

Hier geht es zu einem interessanten Artikel über „Glücksunterricht  in der Schule“ – auf Deutschlandfunk Kultur vom 06.06.2017.

 

Ey, Zweitausendzweiundzwanzig! Was geht?

Sie lagen in der hintersten Ecke ganz unten im Karton auf dem Dachboden – Terminkalender aus den Jahren 1990 bis 1993. Und während ich beim Durchblättern ab und zu hochschaue und meine Tochter angucke, frage ich mich, wie sie wohl in ein paar Jahren sein wird. Im nächsten Moment richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die eng beschriebenen Zeilen und frage mich außerdem: Was zum Teufel hat eine Fünfzehnjährige eigentlich für Termine?  Was für Termine, die einen ganzen Kalender benötigen? Schule, Fußball, Hockey, ein paar Verabredungen – das kann man sich doch so merken?

Und dann sehe ich: Als Fünfzehnjährige wusste ich die damals üppige Freizeit gut zu nutzen. Schulschluss um 13 oder 14 Uhr, Abi in 13 oder 14 Jahren – fast jede Zeile ist mit Müßiggang gefüllt. Gefühlt steht da jede Woche „Billard spielen mit Kathi“, jeden dritten Tag hatte irgendjemand Geburtstag, und ich sehe … lauter Parties! Fete-Startloch, Tini-Party, Alex-Party.. Und: Sit-ins! Das Event der Neunziger: Ein Sit-in. Damals tummelten sich sechs bis zwölf Teenager in Jugendzimmern, hörten Musik und hingen ab. Und das ganz ohne WhatsApp-Gruppe, die Telefonkette funktionierte. Manchmal stundenlang. Der Zoff mit den Eltern war Programm („WIE lange telefonierst Du schon? Niemand kann uns erreichen!!“).

1991 kamen Bandproben, Job bei „Brinkmann“ und „Hall Of Fame“ dazu, die Klassenarbeiten kreiste ich vorsichtshalber dick ein, hätten ja untergehen können zwischen den Aktivitäten.

Simple-Minds-, Tears For Fears- und Simply-Red-Konzert … ok, auch Melissa Etheridge und Heinz Rudolf Kunze habe ich damals gesehen. Selektive Erinnerung.

Neben den Sinnsprüchen, die ich als Sechzehnjährige zwischen den Blättern notierte („Nur Veränderung der Verhältnisse ermöglicht gutes Leben“), den Zensuren, ganz hinten reingekritzelt (Bio: 2, Mathe: 6, Volleyball: 1), finde ich die Adressbücher am spannendsten. Namen, die ich nicht zuordnen kann. Kein Gesicht dazu. Nichts. Und auch wenn ich diesen Bereich als beachtlich gefüllt empfinde – gegen die heutige Masse an Facebookfreunden bei den meisten Fünfzehnjährigen, gebe ich zu, ist das eher jämmerlich.

Wir hatten viel Zeit, wir haben viel unternommen und viel geredet damals, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Ich frage mich, wie dieses Alter für meine Kinder werden wird – während ich mit 15 kichernd zuckersüßen Chris-Fruchtsekt schlürfte, werden meine Kinder schon längst ihre ersten Alkopops getrunken haben? Hört man heute noch zusammen Musik, sitzt mal schweigend beieinander – ohne dabei ein Handy vor der Nase zu haben? Wie sind die so – die Sit-ins des neuen Jahrtausends?

Und dann zucke ich kurz panisch und denke – vielleicht geht das auch schon mit Zwölf los? Ich höre und lese immer wieder, dass Kinder heute frühreifer sind, dass die Pubertät ein paar Jahre eher beginnt – und bei einigen Eltern habe ich den Eindruck, sie finden es super, wenn ihre Kinder früh groß, vernünftig und erwachsen wirken. Und ich denke: Ja, man reißt Fliegen nicht die Beine aus, man haut nicht – und man sollte nicht mit Fremden mitgehen, soviel Verantwortungsbewusstsein bei einem Kind finde ich gut. Aber ich freue mich, wenn meine Kinder möglichst lange das Privileg der Kindheit leben: kindlich sein, voller Fantasie, verquatscht, verspielt und mit ganz vielen Rosinenflausen im Kopf.

Wir werden dank der Lebensbedingungen und der Medizin immer älter, wir sind den kleinsten Teil unseres Lebens Kind und die meiste Zeit erwachsen. Mehr als nötig von der Kindheit abzugeben – wäre das nicht verrückt?

Adieu, Niveau!

Als ich letzte Woche um 7 Uhr zur Arbeit fuhr, lief mir fast der Kaffee aus dem Mund: Der VHH hat wirklich alles gegeben. Frauentausch trifft Talkshow, tiefer kann das Niveau nicht mehr sinken. Ich zwinkerte, nahm noch einen Schluck, aber die Buchstaben, die vor mir riesengroß auf dem Heck des Busses standen, blieben in derselben Reihenfolge: „Öfter mal einen fahren lassen“. Da wird Busfahren doch plötzlich viel attraktiver.
War das Niveau schon immer da unten? Verrohen wir immer mehr, steigt die Anzahl die grölenden Schenkelklopfer, die eine Saftwerbung für einen Drink mit Chiasamen lustig finden, auf der steht „Bei Samenstau bitte schütteln“ oder „Oralverzehr – schneller kommst Du nicht zum Samengenuss“? Drei Jahre bin ich in der Kantine der Holsten-Brauerei in die Schule der niveaulosen Witze gegangen, ich habe lange Zeit Musik gemacht, Bandproben mit Bierkästen und derben Sprüchen – alles kein Problem, ich bin da nicht zimperlich. Aber das hier ist nach meinem Empfinden unterste Schublade. Wie kann man sich das vorstellen in der Marketingabteilung von „True Fruits“?: „Samen …“, (kicher), „Mh, was fällt uns dazu ein ..?“, (glucks), „Also … mir ja nur was Schweinisches, hihi!“, „Jaaa, Samenstau! Haha!“, (prust),  „Oralverkehr!“ „Ich hab’s!! OralverZEHR!“ „Hihiii – der ist gut!“

Oh Mann. Wusste gar nicht, dass hormongebeutelte Teenager während ihres Praktikums ganze Kampagnen texten dürfen.

Und falls ich mir als Frau so ein Getränk kaufe und mich damit in der Öffentlichkeit bewege, muss ich mich dann auf sexistisch dämliche Sprüche gefasst machen? Und vor allem – soll Werbung ein Produkt denn nicht attraktiv machen? Ein viertel Liter „Samenspender aus gutem Hause“? Na dann, guten Appetit.

Die Beurteiler

Herze, willst du ganz genesen, sei selber wahr, sei selber rein! Was wir in Welt und Menschen lesen, ist nur der eigne Widerschein. Theodor Fontane

Auf zehn Personen in einer Gruppe kommt diese eine, die bereits mit scharrenden Füßen Platz nimmt, um zwei Minuten später „endlich mal was los zu werden“, gern mit dem Hinweis vor jedem dritten Satz „Ihr kennt mich, ich bin halt so, ich sage meine Meinung“. Ja. Und das leider laut, ständig und mit einer Aggressivität, die keinen Raum für anders Denkende lässt. Wer kennt sie nicht, auf Elternabenden in Schulen oder Sportvereinen, im Job – die, die zetern, unterbrechen, stänkern, sich beschweren, anderen über den Mund fahren – und vor allem: Alles und jeden beurteilen. In meiner Schulzeit gab es eine Mutter, die zu fast jedem Anwesenden und zu jedem Thema eine, natürlich kontroverse, Meinung hatte. Ihren großen Auftritt hatte sie, als sie mit dem BGB wedelnd eine Skireise verhindern wollte. Ihr eigenes Kind und viele Eltern hätten ihr selbiges am liebsten um die Ohren gehauen.

Eine frühere Kollegin kam mir einmal auf dem Gang entgegen: „Ach, die Jacke ist ja schick. Viel besser als die gestern, die fand ich ja nicht so schmeichelhaft.“ Puh.
Beurteilen ist etwas, was automatisch jeder tut, doch muss es sein, dass man das, was einem durch die Hirnwindungen wandert, ständig ungefragt und laut ausspricht? Würde man die Beurteiler fragen, würden neun von zehn etwas von „Ehrlichkeit“ reden, die oft verwechselt wird mit mangelndem Taktgefühl und der offensichtlichen Selbstüberschätzung, dass jeder daran interessiert ist, ihre „Ehrlichkeiten“ zu hören.
Empathie, Einfühlungsvermögen, Zurückhaltung – alles nicht mehr so angesagt? Man könnte meinen, die Ansichten, Be- und Verurteilungen blubbern einfach so und ungefiltert aus den Menschen heraus. Was denken die? Denken die vorher? Ist es schlechtes Benehmen, Wichtigtuerei, ein Hang zur Selbstdarstellung – „Ich werte, also bin ich“? Eine Selbsterhebung über die Mitmenschen, nach dem Motto „Von oben schaut es sich am schönsten“?

Die Kinder kamen neulich von einer Verwandten wieder, die ein paar Tage zuvor das erste Mal unsere Hunde gesehen hatte, bei einem Familienfest in unserem Zuhause. Unser Labrador Schröder ist noch immer etwas übergewichtig, wir haben ihn noch schwerer vor ein paar Monaten aus dem Tierheim adoptiert, seitdem geht es mit seiner Leibesfülle in kleinen Häppchen abwärts. Die Kinder kamen nach Hause und erzählten: „M. hat beim Kaffeetrinken gesagt, dass Schröder ja immer noch viel zu dick ist. Und Lucky ist viel niedlicher.“ Ich fragte, ob M. denn auch noch etwas Nettes gesagt hätte? „Nein, nur dass er zu dick ist.“
Da sitzt ein Mensch an unserem Tisch, weiß um die Geschichte, befindet sich ein paar Tage später in anderer Runde wieder an einer Kaffeetafel – und hat nichts weiter zu erzählen als das? Während die Kinder, zu denen die Hunde gehören, daneben sitzen? Aber hey! Meine Meinung! Meine Bewertung. Die muss raus. Egal ob passend, fair oder feinfühlig. Auffällig, dass die laut ausgesprochenen Bewertungen meist negativ sind, ab und zu in ein bisschen Glitzerpapier eingeschlagen wie „Der ist viel niedlicher“ oder „Das ist nicht so hässlich wie das andere“.

Und was treibt Menschen nun dazu an, ständig zu bewerten und zu beurteilen? Warum produzieren sie soviel Negatives?

Ist es die eigene Unzufriedenheit, die sie gleichmäßig auf andere verteilen möchten, damit sie selbst nicht so schwer daran tragen müssen?

Ist die eigene Graupalette erträglicher, wenn die anderen nicht ganz so bunt leuchten?

Und wenn wieder einmal jemand vor einem steht, der meint, er müsse den Daumen nach unten verbalisieren, muss man sich vielleicht vor Augen führen: Es ist seine Negativität, es ist seine Sicht auf die Welt, seine laute Äußerung, sein Gift. Und dann schafft man es vielleicht, das Negative an sich abprallen zu lassen, es nicht anzunehmen. Oder wie Buddha sagt: „Wenn Dir jemand ein Geschenk anbietet – und Du nimmst es nicht an, wem gehört dann das Geschenk?“

Hundsbrief

Hamburg. Im Mai 2016.

Gestern bist Du, Großer, mit meiner Lieblingsstiefelette in der Schnauze an mir vorbei getobt, den Kopf wild schleudernd, schwanzwedelnd und so in Schwung gekommen, dass Du fast gehüpft bist. 40 Kilo Labrador. Du bist zu dick. Und wir können nicht genug von Dir bekommen.
Und Du, Du kleiner Kläffer – Du hast mir gerade vor Freude fast Löcher in meine Strumpfhose gesprungen. Richtig böse sein kann ich Dir nicht.

Als Weißer Schäferhund solltet Ihr in diesen Wochen eigentlich geboren werden, oder im Sommer, als Elo. Das war der Plan. Ein (!) Welpe solltet Ihr sein. Nach reiflicher Überlegung, Pro und Contra, durchgeklickten Internetseiten und Gesprächen entschieden wir uns gegen einen Hund aus Rumänien oder Griechenland – unbeschwert und nur von uns geprägt sollte unser Familienhund sein. Und doch war ich zwischendurch immer wieder auf den Tierheimseiten unterwegs, denn eine leise Stimme flüsterte unentwegt: „Es gibt so viele Tiere, die ein Zuhause brauchen, warum ein extra gezüchtetes? Vielleicht wartet irgendwo jemand auf Euch, der sonst keine große Chance hätte.“ Ich schob das zur Seite, der Termin war gemacht, alles war gut durchdacht.
Und dann kamt Ihr.
Und das Herz. Und irgendwas von ganz oben, was mich an diesem einen Tag auf die Website des Hamburger Tierschutzvereins gucken ließ, auf die Seite mit den großen Hunden. Aufgeregt habe ich die Seite mit Euch weitergeleitet, „Das sind sie, das sind unsere Hunde“, kam prompt zurück. Lucky und Schröder. Was für ein Gespann. Im Tierheim sagte man uns, dass ein Duo in Hamburg immer schwerer zu vermitteln sei, doch man wolle alles versuchen, damit man Euch nicht trennen müsse. Die Mitarbeiter waren alle sehr nett, kompetent und engagiert – und ein paar Tage später standen wir vor Eurem Zwinger. Euer Herrchen war vor ein paar Wochen gestorben, man sagte uns, dass Du Schröder, anfangs niemanden an Dich heran ließest, jeder wurde weggebellt, zu groß waren die Trauer und die Verwirrung. Und als wir da so am Gitter standen, gingst Du, Schröder, nach hinten, und auf dem Weg dort hin hieltest Du kurz an und drehtest Dich nach Deinem Freund Lucky um, der Dir bereits auf den Fersen war. Dieses Bild ist geblieben. Euch trennen? Unmöglich.

Die Entscheidung musste nicht überlegt und gefällt werden. Sie war einfach da. So wie Ihr. Fast jeden Tag haben wir Euch besucht, vor zweieinhalb Wochen seid Ihr eingezogen. Jetzt haben wir keinen Kofferraum mehr. Dafür überall viele Haare. Unseren Teppich lassen wir morgen abholen, denn Du, Schröder, hast gleich getestet, wie wir mit brechenden Hunden umgehen können. Dass der Kater keine Beute ist, hast Du inzwischen raus, und Lucky, Du merkst, dass Simba Dir nichts tut, wenn Du ihn in Ruhe lässt. Am dritten gemeinsamen Tag waren wir im Freilauf. Der Bauch sagte ja, aber nervös waren wir trotzdem, als wir Eure Leinen lösten. Ihr seid bei uns geblieben. Und wir bleiben bei Euch.

Wenn Menschen mit Tieren nichts anfangen können, werden sie mit diesen Zeilen sicher ebenfalls nicht warm. Doch für uns seid Ihr innerhalb weniger Stunden zu Familienmitgliedern geworden. Eure Seele, Euer Wesen, Eure Zuneigung, das kann man schwer in Worte fassen, Eure Nähe tut uns allen gut. Ihr trauert noch, das merken wir. Als ich Dir vorgestern den Rücken kraulte, legtest Du Deine Pfote auf meinen Fuß, Schröder, und gucktest mich so intensiv und traurig an, stießt einen tiefen Seufzer aus und machtest die Augen dabei zu. Als wolltest Du sagen „Geschafft“. Und, Lucky, Du magst uns am liebsten gar nicht aus Deinem Blick lassen. Es ist eine Wohltat zu sehen, wenn Du kleines Energiebündel doch mal in Ruhe einschlafen kannst. Eure Freude, wenn wir durch die Tür kommen, ist mehr als überschwänglich, als könntet Ihr es gar nicht fassen, dass wir wirklich immer wieder kommen. Die Zeit wird die Wunden heilen und uns noch weiter zusammen wachsen lassen, das wissen wir.
„Und Sie wollen einen Zoo aufmachen, Frau Schröder?“, fragte mich die Tierärztin. Nein. Es bleibt bei zwei Katzen und zwei Hunden. Und die Kätzchen sind ebenfalls per Zufall zu uns gekommen. Zufall? „Mama, es fühlt sich ein bisschen so an, als hätten Lucky und Schröder sich auch uns ausgesucht“. Herz.

Willkommen Zuhause, Lucky & Schröder!

 

 

 

Empathiebulldozer

„Mama, Frau U. sagt, Simba und Charly – die werden sich nicht mit den Hunden vertragen. Stimmt das?“, die Unterlippe meiner Tochter zittert, der Gedanke daran, dass etwas dem Einzug unserer neuen Familienmitglieder im Weg stehen könnte, treibt ihr die Tränen in die Augen.

Wie bitte? Was hat sie gesagt? Woher weiß sie denn das? Und vor allem: Warum äußert sie das? „Also meine Mimi mag gar nicht mehr in den Garten gehen, seitdem der Nachbar einen Hund hat. Hunde und Katzen – die vertragen sich nun wirklich nicht. Das KANN nicht klappen.“
Und dieses wertvolle Pseudowissen muss sie einem kleinen Mädchen, welches euphorisch vor ihr steht, aufs Pausenbrot schmieren? Doch sie ist leider nicht die Erste und die Einzige, die so denkt und so handelt. „Ihr selbstgerechten Klugscheißer!“, möchte ich brüllen. Da steht eine Siebenjährige, die mit leuchtenden Augen von ihren neuen Haustieren erzählt – und ihr könnt nicht einfach mal die Klappe halten? Oder sagen „Ach, das wird schon“? Da muss ein Erwachsener im tiefsten Bereich seines Suppentellers umher stolzierend, nicht den Rand und erst recht nicht darüber hinaus sehen könnend, seine Erfahrung als allgemeingültige Regel einem Mitmenschen vor den Latz knallen?

Niemals müde werde ich, meinen Kindern zu erklären, dass alle Menschen verschieden sind, dass jeder Mensch basierend auf seiner Lebenserfahrung, seines Charakters und äußerer Umstände unterschiedliche Erfahrungen macht und dieselben Dinge grundverschieden erleben, sehen und fühlen kann – und dann kommen regelmäßig Empathiebulldozer und walzen einfach rüber über die gepredigte Vielfalt. Wie arrogant, wie überheblich, wie vermessen.
Davon auszugehen, dass der eigene Erfahrungshorizont der Maßstab für alles und jeden ist, macht nicht nur unsympathisch, es wirkt auch dumm. In diesem Fall herzensdumm. Kein Gedanke daran, was man bei dem anderen anrichtet, wie das Gegenüber sich fühlen muss, wenn man seinen kleinen Mikrokosmos ungefragt als Nabel der Welt darstellt. Und das auch noch völlig überflüssig. Diese Äußerung hatte keinen Mehrwert, hatte keinen Nutzen, es gab keinen guten Rat. Nur daher geplappertes, unreflektiertes, eindimensionales verbales Erbrechen.

Ob sich Hund und Katz verstehen? Ich hörte, dass sich da ein Pudel und eine Katze nicht riechen können. Und ich bekam von einem Boxer erzählt, der mit dem Kater sein Körbchen teilt.
Vor unserer Haustür sehe ich ab und zu Katzen, die unbeeindruckt an Hunden vorbei stolzieren, während diese gelangweilt in die Luft schnüffeln.
Doch laut Frau U. hat ihre Erfahrung eine allgemeine Gültigkeit – ihre Mimi mag immerhin nicht mehr in den Garten, seitdem der Nachbarhund am Zaun sitzt.
Liebe Frau U., vielleicht ist es auch so: Vielleicht ist Mimi einfach ’ne Pussy.

Der Freitagssong

Es wird wieder Zeit für die beste Musik des Tages – meine Damen und Herren, einmal seufzen bitte für: Olli Schulz!

Von F**** bis F*****

Rilkehack„Ey, Herr T., wie heißt Fotze nochmal richtig?“ – ich gebe zu, ich habe schallend gelacht, als meine Freundin mir von der Unterrichtsstunde ihres Kollegen erzählte. Aber wann, verdammte Scheiße, fing das eigentlich an? Wann wurde aus durchgebratenen Buletten ein Klumpen Mett mit Zwiebeln? Wann ging das los – mit der Verrohung der Sprache? Fielen „Verdammt“ und „Scheiße“ auch nur in einem Satz, gab es in meiner Kindheit einen Vortrag. Das F-Wort kam aus keinem Munde, nur die ganz üblen Gestalten hörte man solche Sachen grölen – die, die am Bahnhof standen und den ganzen Tag besoffen waren.
Heute kommt meine Tochter von der Grundschule nach Hause und fragt, was eigentlich „Ficken“ heißt – und aus „Blöde Kuh“ und „Idiot“ wurde „Schlampe“ und „Wichser“. Hinzu kommt die absolute Offenbarung der Einfältigkeit an jeder onlinesozialen Ecke: Das „geile neue“ Cap und die geile Handbewegung dazu, der „total tolle“ Green Smoothie mit total dämlichem Duckface dazu – aber kein gerader Satz mit guter Ausdrucksweise weit und breit? Zehn neue Zeitschriftenabos möchte ich aus Protest abschließen – und offline gehen. Auf den Baum zurück. Zurück in die Achtziger! Aber nur, wenn ich dafür nicht wieder Bon-Jovi-Frisur und bauchfrei tragen muss.

Scherzkeks

„Ein großer Mensch ist, wer sein Kinderherz nicht verliert.“
„Einmal selbst sehen ist mehr wert als hundert Neuigkeiten hören.“

scherzkeksWas ist bloß aus ihnen geworden – den guten alten Glückskekssprüchen? Als ich heute im Restaurant zu meiner Nudelsuppe einen Glückskeks kaufte, dachte ich an einen netten, kleinen, küchenphilosophischen Weisheitssatz.
Und ich bekam das: „Erzähle einen Witz“.
Bitte? „Erzähle – einen – Witz“?

Wie kann ich mir das vorstellen? Ein paar schon morgens bekiffte Studenten bekommen den Auftrag,  Glückskekssätze zu formulieren: „Ey – hör mal auf mit dem Geschwafel, schreib mal was Lustiges.“ „Stimmt, geile Idee! Irgendwas Banales wie: „Erzähle einen Witz.“

Morgen kaufe ich mir noch einen. Oder zwei. Und bin gespannt, was dann kommt. „Sortiere die Socken“, „Kämme den Kaktus“?

Julia Emma Schröder TSG Hoffenheim - Mainz 05

Krabbenschubser in Blau-Weiß

„Mama, hast Du Dir weh getan?“, meine Tochter steht mit besorgtem Blick im Badezimmer. Das laute „Aaah!“, der leisere Knall danach – und ich stehe mit Tränen in den Augen neben der Duschtür. „Nein, alles gut. Hoffenheim hat ein Tor geschossen!! Und ich bin vor Freude so schnell mit dem Kopf hochgekommen, dass ich mich gestoßen habe.“ „Ach so …“, meine Tochter zuckt mit den Schultern und ich meine zu sehen, dass die Kleine leicht den Kopf schüttelt. Immerhin beobachtet sie, wie ihre Mutter mit Putzeimer im Bad steht, Bundesliga per Liveübertragung auf dem Handy hört und mit Gänsehaut und Tränen in den Augen Tore verkündet. Genauer gesagt: TSG-Hoffenheim-Tore gegen Mainz 05. Meine Schläfe reibend frage ich mich, ob ich doch zuviel Antikalk eingeatmet habe.

Julia Emma Schröder TSG Hoffenheim - Mainz 05Mein Sohn sitzt im selben Moment mit seinem Vater in Sinsheim und atmet Stadionluft – sein erster Besuch in der Rhein-Neckar-Arena! Dass blau-weiße Liebe in Hamburg nicht zwangsweise HSV bedeuten muss, das habe ich in den letzten vier Jahren gelernt – und die TSG hat gezeigt, wie echte Fanbindung geht. Zu seinem siebten Geburtstag schrieb ich dem Verein von der unerschütterlichen Zuneigung eines norddeutschen Kindes zu „seiner TSG“ – von den erfolglosen Versuchen, ihn zum St. Pauli zu bekehren – und von den Emotionsdramen, die sich bei uns abspielen, wenn es für Hoffenheim um Sieg oder Niederlage geht. Gegen den HSV mussten wir Karten für den Gästeblock per Fax kaufen, im Stadion flippte mein Sohn völlig aus, als die TSG ein Tor nach dem anderen schoss – Hamburger unter Hoffenheim-Fans in Hamburg – was für ein Szenario!

Und so bat ich den Verein um eine kleine Geburtstagsüberraschung in Form von Autogrammkarten seiner Stars – das wäre das Größte für ihn, ein Gruß von seinem Verein. Was dann kam, übertraf alles: ein Foto seiner vier Helden, die ein Plakat mit persönlichen Glückwünschen an ihn hochhielten, und ein Bericht über den „Hamburger Jung, der zu Hoffe hält“ wurde auf einer viertel Seite im Stadionmagazin abgedruckt. Als er den Umschlag öffnete und mit feuchten Augen zu mir sagte, dass dies das allerschönste Geschenk überhaupt sei, und „Die kennen mich ja jetzt auch ein bisschen, oder Mama?“, da schossen auch mir die Tränen hoch – ganz ohne Duschwand am Kopf.

Seitdem sind zweieinhalb Jahre vergangen – mein Sohn hält eisern zu Hoffe, trotzt aller Schmähungen, aller belustigten Nachfragen, wie ein Hamburger ausgerechnet auf Hoffenheim komme… er zuckt nicht, nicht einmal mit den Schultern, er steht zu seinem Verein, sein Zimmer erinnert an ein Fanshop-Warenlager, sein Herz schlägt Blau-Weiß – und Punkt. Als Hoffenheim vor einigen Jahren der Abstieg drohte, fragte ihn der Opa eines Freundes, warum er ausgerechnet und immer noch Hoffenheim-Fan sei? Seine Antwort: „In Hoffenheim steckt doch das Wort hoffen.

Julia Emma Schröder TSG Hoffenheim - Mainz 05Seit ein paar Stunden ist der Lütte zurück vom wahrscheinlich denkwürdigsten Wochenende seines Fußballerherzens – das erste Mal zu seinem Verein gereist, das erste Mal unter seinesgleichen. Und was soll ich sagen? DANKE, TSG Hoffenheim – Ihr habt wieder einmal einen kleinen Jungen so glücklich gemacht! Denn meine Bitte, ob der kleine große Hoffenheim-Fan, der ganz aus Hamburg anreist, einmal kurz einen Blick hinter die Kulissen werfen könne, wurde mit soviel Freundlichkeit, so schnell und mit so tollen Angeboten beantwortet, dass der Lütte mit Aktionsshirt „Alle gegen Einen – Alle gegen den Abstieg“, persönlicher Stadionführung, zwei Plätzen auf der Fanbank und einem Interview mit ihm auf der Videowall des Stadions in der Halbzeitpause im Hoffenheim-Himmel schwebte. Und das an einem Wochenende, wo es um viel ging, der ganze Verein angespannt war und alle Mitarbeiter Extraaufgaben zu meistern hatten. Liebe TSG 1899 Hoffenheim – Ihr habt großartig gespielt – ich habe das im Badezimmer genau verfolgt. Und Ihr habt dazu dank Eurer immer zuvorkommenden und über die Maßen netten Marketingabteilung ein paar Fischköppe mehr zu Fans gemacht – das war 1. Liga. Danke.

P.S.: Nicht bedanken möchte ich mich für die Bandbreite an Fanartikeln. Hier steht jetzt ein Gartenzwerg im Vorgarten. Blau-Weiß. Mit Elch im Arm.